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Sommerurlaub 15. Juni – 01. Juli 2002


Prolog

Fast reisen wir auf den Spuren von Hermann Hesse, dessen 125sten Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird. Eigentlich schade einen Geburtstag zu feiern, wenn der Betroffene selbst nichts mehr davon hat. Er kann sich keine Zigarre anzünden, kein Glas des geliebten Rotweins einschenken und mit den Gästen anstoßen. Hilflos, wenn er denn das Treiben von irgendwo her beobachten kann, muss er zusehen, wie findige Geschäftemacher ihn und seinen Namen vermarkten. Er muss hören, wie über ihn Unsinn und Lobreden verbreitet werden, wahrscheinlich hätte ihn ersteres amüsiert, letzteres geärgert.

Daher werde ich auch gar nicht viele Worte über ihn verlieren, will mit ihm in Gedanken anstoßen und nur ab und zu ihn auch zu Wort kommen lassen, wie gleich zu Beginn mit einem Zitat aus seiner Niederschrift „Kunst des Müßiggangs“, das zum Anstoßen bestens geeignet scheint:
„Der Wein als Ausgleicher, Tröster, Besänftiger und Träumespender ist ein viel vornehmerer und schönerer Gott, als seine Feinde uns Glauben machen möchten. Aber er ist nicht für jedermann. Um ihn künstlerisch und weise zu lieben und genießen und seine schmeichlerische Sprache in ihrer ganzen Zartheit zu verstehen, dazu muss einer so gut wie zu anderen Künsten von Natur begabt sein.“



15. Juni – 22. Juni: Engadin; Pontresina, Hotel Saratz

In den Jahren 1949 bis 1961 verbrachte Hermann Hesse die Sommermonate Juli und August im Engadin - wohl, um der Hitze und den Touristenströmen im Tessin zu entkommen. Im Hotel „Waldhaus“ in Sils Maria hat er insgesamt 370 Mal übernachtet. Hier traf sich der Dichter mit Thomas Mann und begegnete u.a. Theodor W. Adorno und Klara Haskil. Er schreibt 1953 („Engadiner Erlebnisse“):
„Gesehen habe ich viele Landschaften und gefallen haben mir beinahe alle, aber zu schicksalhaft zugedachten, mich tief und nachhaltig ansprechenden, allmählich zu kleinen, zweiten Heimatländern aufblühenden wurden mir nur ganz wenige, und wohl die schönste, am stärksten auf mich wirkende von diesen Landschaften ist das obere Engadin.“

Eine ganze Woche lang genießen wir die Aussicht aus unserem Südeckzimmer im wunderbaren Hotel Saratz. Der Roseg-Gletscher scheint zum Greifen nah – ist er aber nicht, wie wir bei einer Wanderung erfahren müssen. Wir atmen die Luft der Gemsen und laben uns an Ausblicken der Adlerperspektive. Zwei Gewitter begeistern uns, sie toben zu unserem Vergnügen direkt vor dem Panoramafenster, von wo aus wir übrigens auch die wohl installierten Blitzableiter erkennen können. Gewitter in den Bergen sind immer dann besonders schön, wenn der Betrachter auf der anderen Seite der Fensterscheibe sitzt. Mit einem Glas Chianti in der Hand sitzen wir auf der Chaiselongue und verfolgen interessiert das Lichtergeflacker und das Donnergrollen. Die Berge sind schon gefährlich...

Der Gletscher – eine Herausforderung für Menschen seit Jahrhunderten. Der Friedhof in Pontresina ist ein Ort des stummen Zeugnisses all der Abgestürzten, Vermissten und Heldenhaften. Nebenbei bemerkt liegt der Dorffriedhof direkt unterhalb einer berühmten Kirche mit seltenen Gemälden aus dem 13. Jahrhundert, aber leider ist sie erst ab 15 Uhr 30 geöffnet. Wir finden wieder einmal den Satz bestätigt „wer zu früh kommt, den bestrafen die Öffnungszeiten“. Aber nun zum Gletscher. Todesmutig wollen wir uns ihm in den Schlund werfen, nicht ohne eine Wanderkarte, Butterbrote und ein Handy, Heftpflaster und Mückenschutzcreme. Die Helden von heute sind eben Weicheier und Warmduscher allesamt. Am Montag soll der Morteratsch-Gletscher erklommnen, am Dienstag der Roseg-Gletscher bezwungen werden, wer zögert verliert. Der Morteratsch ist fast erreicht, da machen sich Ermüdungserscheinungen breit, mein Begleiter hat irgendwie die verkehrten Schuhe oder Socken an und ich bin von einem steifen Hals gezeichnet. Hinzu kommen Schulklassen und Gruppen schwäbisch redender Wanderer, die nach Schweiß, Kampfeslust und Eau de Cologne riechen, dass unser Knoblauch-Pesto vom Vorabend sich gar nicht mehr zur Geltung kommt. Spielverderber sind eben überall. Dabei sind wir die einzigen, die ohne die Hilfe der Rhätischen Eisenbahn die hohen Hügel erklommen haben, sandalenbewehrte Müßiggänger kommen ja ob der Neuerungen der Technik heutzutage überall hin, wohin früher nur die Helden gelangten. Apropos Heroen. Mein Begleiter trägt untrüglich die Zeichen dieser Gattung Mensch, will er doch beim Versuch den Roseg-Gletscher zu bezwingen, uns über ein Schneefeld und mich in Panik führen. Ohne meine Schneestöcke und eine mit 16 Karabinerhaken gesichertes schweres Halteseil gehe ich nicht über einen solchen glitschigen Gletscherausläufer. Meine Weigerung so kurz vor dem ersehnten Ziel kehrt zu machen verstimmen meinen Helden und verleiten ihn zu dem äußerst unsachlichen wie gleichermaßen unpassenden Vorschlag, wir könnten ja demnächst Halma spielen. Dabei weiß er gar nicht wie das geht, möchte ich wetten. Zudem ist Halma nur scheinbar ein ungefährliches und langweiliges Spiel, das weiß jeder, der schon einmal mit einer Großmutter gespielt hat, die nicht verlieren kann... Beim Abstieg kommen uns dann derart viele Wanderer entgegen, dass ich doch ins Grübeln gerate, ob wir die Schneepassage hätten meistern können. Insgeheim hoffe ich natürlich - der Himmel vergebe mir dafür – dass die Nachrichten von mehreren verunfallten, aus einem Schneefeld nahe des Roseg Gletschers geborgenen unvorsichtigen Wanderer meinem Begleiter das heroische Grinsen von den Lippen wischen würde. Gletscher sind schon unerreichbar...

Ein feiner Schmerz im Knie, eine steife Schulter, juckende Mückenstiche und Fußbeschwerden - wir erholen uns zusehends. Am Mittwoch laben wir uns an einem musikalischen Leckerbissen der Extraklasse. Ein Konzert mitten im Wald, ein Trio spielt Strauss, Lehar und Mozart, eine ganze Stunde lang unter freiem Himmel. Unterbrochen wird das Spiel nur durch das übliche Husten, Vogelgezwitscher, Hundegebell und Klatschen an völlig falschen Stellen. Letzteres kommt nicht durch die Unwissenheit der musikophilen Wanderer, sondern durch die Herrscher des Waldes, die gemeinen Waldameisen. Nicht das diese etwa rhythmische Klatschgeräusche erzeugten, sie treiben nur durch ihre Beinerkundungsversuche die wanderbehosten Zuhörer dazu. Eine Ameise unterm Beinkleid kann unangenehme Gefühle hervorrufen. So kommt es, dass ich dem Konzert fast ausschließlich mit gesenktem Blick lausche, und ab und zu die Beine anhebe, um die Füße vom Boden zu lösen. Das sieht zwar nicht besonders elegant aus - doch wer könnte schon mit klobigen Wanderschuhen überhaupt dieses Attribut für sich verbuchen - aber es verhindert die Invasion der Plagegeister mit den starken Kiefern und stärke meine Bauchmuskulatur. Musik ist schon ein erhebendes Ereignis...

Die herrliche Ruhe der Bergwelt ist auch nicht mehr das, was es war, wobei ich nicht sicher bin, ob es das jemals war. Gab es doch in grauer Vorzeit schon brüllende Mammuts oder kreischende Archaeopterix-Familien. Heute sind es die Motorräder, die die Landstraße entlang knattern und röhrend stinkende Automobile überholen. Am Himmel kreisen statt der erhofften Adler und Bartgeier Hubschrauber, die begüterte Touristen direkt zu den Gletschern bringen oder ihnen die Bergwelt aus der Perspektive der fast ausgestorbenen Raubvögel präsentieren. Die rhätische Bahn ist da noch die leisere Variante – ein Relikt aus ruhigeren Zeiten, wenngleich auch die Natur selbst Lärm erzeugt. Wir lauschen bei geöffnetem Fenster einem rauschenden Wildbach, der Erinnerungen an heimische Autobahngeräusche aufkommen lässt. Gut, dass wir moderne Doppelglasfenster haben und bei geöffnetem Fenster auf Kopfhörer, angeschlossen an neueste ibook-Technik, zurückgreifen können. Mit diesem High-Tech Gerät übertönen wir auch den Rasenmäher und die Rasensprenger, die stets im Einsatz sind. Die Wiese mit eingefügtem Putting-Green, hier können Golfer und solche die es werden wollen das Einlochen üben, soll mit diesen Mitteln zum Golfrasen gemacht werden. Sie scheint sich aber trotz, oder gar wegen dieser Manipulationen zu weigern, ein solcher Tummelplatz für versnobte Golfer zu werden und zeigt dem Gärtner die braune Schulter. Vielleicht sollte der sich einmal fragen, ob es sinnvoll ist, den Rasen zu Tageszeiten zu sprengen, wenn die Sonne zusammen mit den Wassertropfen gleich einem Brennglas wirkt. Die Natur hat schon ihre eigenen Gesetze...

Ruhe und erhebende Ausblicke gewinnen wir bei einer Wanderung auf 2500 Metern. Nun, ich gebe zu, den Aufstieg haben wir uns gespart, schließlich ist ja nicht immer ein einziger Weg das Ziel, es führen bekanntlich viele Wege dorthin. So steigen wir in Pontresina voller Vertrauen in einen Sessellift. Zehn Minuten schaukeln wir in unserem Sitz hin und her, über Wiesen und beachtliche Felsen, meine Höhenangst wächst mit der Dauer der Fahrt, und auch die Bemerkung meines Mitfahrers - dem ich unseren Rucksack anvertraut habe, da ich nicht weiß, wie ich mich sonst gleichzeitig mit der rechten Hand krampfhaft am Eisenbügel, mit der linken an seiner Hand festhalten sollte – dass die Eisenkonstruktionen teilweise sechs Löcher und nur vier Schrauben aufweisen, konnte mich nicht wirklich beruhigen. Oben angekommen reicht uns zum Glück ein Helfer die Hand und hievt uns aus dem Sitz, in Gedanken sah ich mich bereits eine Ehrenrunde drehen, weil es mir nicht gelungen war, rechtzeitig meine eiskalte Hand vom Eisen zu lösen und die Füße vom Haltebügel zu entfernen. Der Weg von Languard nach Muottas Muragl – von wo uns eine Zahnradkabinenbahn ins Tal bringen soll - ist nicht schwierig, aber hoch, es ist ja ein Höhenweg. Nach einigen Metern mit Schwindel und Schwanken gewöhne ich mich aber an den Adlerblick und genieße die Aussicht in Täler, auf Gletscher und entfernte grüne und blaue Bergseen. Sogar einen Steinbock und eine Gemse erspähen wir, die weder das Wort Höhenangst noch Schwerkraft zu kennen scheinen, so behände springen und klettern sie über ihre felsige Heimat. Sie beäugen uns misstrauisch aber der Anblick der merkwürdigen Zweibeiner mit den komischen Säcken auf dem Rücken scheint ihnen vertraut. Das wundert uns einige Kilometer weiter nicht mehr, treffen wir doch vor der Bergstation Muottas Muragl Horden von Wanderern, neben den Schweizern vor allem Amerikaner und Japaner mit Ferngläsern, Kameraobjektiven und professioneller Bergausrüstung. Einige ältere Wanderer, die mit der Bahn hochgefahren sind, begnügen sch mit dem Ausblick von der Bergstation und fahren dann wieder herunter. Zum Glück ist es noch keine Hochsaison, sonst würden wir vor lauter „Grüezi“ und Ausweichmanövern (der Weg ist schmal) gar nicht zum Ziel gelangen. Vielleicht ist die Zeitangabe – 2 3/4 Stunden – extra so bemessen, dass die Pausen fürs Grüßen und Ausweichen einberechnet sind, wir brauchen nur knapp zwei Stunden. Die Bahn bringt uns ohne Knieschmerzen bergab, mein Begleiter wäre lieber gelaufen, aber ich weiß diesen Komfort zu schätzen. Das Auf und Ab des Lebens kann schon anstrengend sein...

Die Preise in der Schweiz sind wohl eine mögliche Erklärung dafür, dass es niemals überfüllt ist, wenn auch an den Orten touristischer Attraktionen schon einmal ein Stau entstehen kann. Der Blick in unser Portmonee sagt uns, dass wir an diesem Ort mehr als eine Woche Urlaub nicht finanzieren möchten. Wir wundern uns über die Familien mit Kindern, die längere Zeit hier verweilen und auch noch jeden Tag im Restaurant sitzen und die guten, aber überteuerten Gerichte (Spaghetti mit Salat etwa 28 Franken) genießen. Exklusivität hat schon ihren Preis...


22. Juni – 24. Juni: Tessin; Lago Maggiore; Ascona; Ferienwohnung


Bereits 41 Jahre alt ist Hermann Hesse, als er einen Schlussstrich unter sein bisheriges Leben zieht und sich in Montagnola, einem Dorf in der Nähe von Lugano, niederlässt. Hier entstehen unter anderem „Klingsors Sommer“, „Der Steppenwolf“ und das „Glasperlenspiel“ und Hesse entdeckt, angeregt durch eine Psychotherapie seine Liebe zur Malerei. In seinem Text „Dank ans Tessin“ schreibt er 1954 :
„... Nie aber habe ich so schön gewohnt wie im Tessin, und noch keinem meiner Wohnorte bin ich so viele Jahre treu geblieben wie meinem jetzigen, es sind fünfunddreißig Jahre, und ich werde ihn nicht mehr verlassen. Die Tessiner Landschaft, die ich im Jahr 1907 zum ersten Mal gründlicher kennen lernte, hat mich stets wie eine vorbestimmte Heimat oder doch wie ein ersehntes Asyl angezogen und empfangen. In vielen meiner Dichtungen ist sie beschrieben, in einigen spielt sie die Hauptrolle, und eines meiner Bücher, das „Wanderung“ heißt, ist nichts als ein Lobgesang an die Tessiner Landschaft. Sie ist mir zur Heimat geworden. Und auch die Tessiner liebe ich sehr, nicht nur ihre Landschaft und ihr Klima. Es hat in den Jahrzehnten, seit ich unter ihnen wohne, Friede und Freundlichkeit zwischen uns geherrscht...“

Wir stimmen dem Dichter in allen Punkten zu, nur das Klima scheint es in diesem Jahr mit uns nicht gut zu meinen. Es wäre eine Überlegung wert, dem Beispiel Hesses zu folgen und die Sommermonate künftig lieber ausschließlich im Engadin zu verbringen. Unser Aufenthalt in Ascona verkürzt sich um einige Tage. Temperaturen und eine Luftfeuchtigkeit wie in einem Tropenhaus lassen unsere Körper bereits bei der Ankunft im Tessin regelrecht schmelzen, Kleidung und Haut bilden eine unerfreuliche Einheit. Ein Blick auf die Temperaturanzeige im Auto bestätigt die schlimmsten Befürchtungen: 37 Grad Celsius! Die Klimaanlage unseres edlen – und vor allem italienischen - Fahrzeugs beschließt bei solchen Temperaturen nicht mehr zu funktionieren. Mein Begleiter, der sein Fahrzeug sehr mag, oder sollte ich sagen, bis zu diesem Zeitpunkt mochte, hat eindeutig aggressive Anwandlungen und würde wohl, so er denn einen hätte, einen Hammer nehmen und dem kleinen schwarzen starken Gefährt die Leviten lesen. Der Wutschweiß auf der Stirn vermischt sich mit dem aus Anstrengung und Hitze. Wir sehnen uns für einen Moment in die Gletscherkühle des Engadins zurück. Ich verlasse das italienische Auto (weder über die Klimaanlage noch über weitere Ausfälle auf dieser Reise werde ich mit Rücksicht auf meinen Begleiter weitere Worte verlieren) mit meinen feuchtwarmen italienischen Sandalen, in denen meine Füße kaum Halt finden und blicke auf den italienischen Ledersitz, den eine Schicht klare Flüssigkeit bedeckt (auch Schweiß genannt), deren Entsprechung sich an meinem italienischen Hosenrock wieder findet. Nachdem Gepäck und Nahrungsmittel (aus einem mit Verzweiflung – bei geöffneten Wagenfenstern und heißem Fahrtwind – gesuchten Supermercato ) in der wunderschönen Ferienwohnung verstaut sind, dauert es ungefähr eine Stunde bis der Schweiß zu versiegen scheint. Dies ist nicht zuletzt auf die Tatsache zurückzuführen, dass es in Ascona wirklich schöne Ferienwohnungen mit Blick auf den Lago (unverzichtbar für uns) nur in halsbrecherischer Höhe gibt, die durch Tausende von Stufen überwunden sein will. Und ohne den Blick auf unseren geliebten See ist der Urlaub nur halb so schön. Eine Dusche nährt das vorübergehende Gefühl von Frische, das jedoch bei der kleinsten Bewegung wieder dem Eindruck feuchter Schwüle weicht. Die Wettervorhersage prophezeit weiterhin feuchtwarme Witterung, verspricht aber Abkühlung – leider durch Regen. Wir faulenzen und genießen Espresso, Spaghetti und Chianti. Italienische Momente können schon schön sein...

Aus den geplanten vier Tagen werden nun nur zwei, wir ertragen die feuchte Hitze nicht. Der Hausbesitzer sagt, er habe solche Wetterverhältnisse noch nicht erlebt, zumindest nicht im Tessin. Das alles erinnere ihn an die Zeit des Monsun in Indonesien. Wir verzichten auf diese Erfahrungen, wollen weder asiatische noch tessiner Regenzeiten erleben und reisen vorzeitig ab. Natürlich besuchen wir noch Arzo, wo Van Laack einen Lagerverkauf eingerichtet hat und erstehen einige nette Kleinigkeiten. Auf dem Rückweg fliegen die Landschaften vorbei – man erinnert sich, wir verschaffen uns notgedrungen Kühlung durch den Fahrtwind – wir winken der Casa Rossa, dem letzten Wohnsitz Hermann Hesses (gest. 1962), dem Friedhof bei San Abbondio, seiner Ruhestätte. Eigentlich hätten wir dort einen Besuch abstatten, Blumen aufs Grab dieses begnadeten Schriftstellers legen wollen, doch er wird uns verzeihen – wir können nicht anhalten. Außerdem waren wir ja auch schon mal dort, haben seine Wohnstätten in Montagnola (Casa Camuzzi und Casa Rossa) und das Grab besucht. Wohlbefinden geht manchmal schon über Verehrung...

24. Juni – 29. Juli: Schwarzwald; Hirsau/Calw; Hotel Kloster Hirsau


Am 2. Juli 1877 wird Hermann Hesse in Calw geboren. Der Heimatort bleibt für ihn immer die schöne Jugendheimat aber auch gleichzeitig ein Ort heftiger Auseinandersetzungen und pietistischer, kleinstädtischer Enge. Er kehrt nach seinem Weggang 1895 nur noch als Besucher zurück und schreibt einmal in einem Brief:
„Die Heimat will ich mir nicht dadurch verderben, dass ich meinen Werktag dahin verlege; Kindheit und Schwarzwald sind für mich Heiligtümer erster Ordnung, die ich nimmer gefährden will.“

Wohlige Kühle empfängt uns, wir sitzen am ersten Abend so lange vor dem Hotel auf der Terrasse bis wir eiskalte Füße und Dutzende von Mückenstichen haben. Zu unserer Überraschung gibt es in diesem relativ bieder erscheinenden Hotel eine auch für Vegetarier brauchbare Karte, auf der es neben den üblichen Salaten auch Bratlinge und andere Leckereien gibt. Hier werden wir uns wohl fühlen. Direkt gegenüber des Hotels gibt es eine Klinik für Neurologie und Psychiatrie. Jeden Abend – scheinbar nach der Essenszeit – vernehmen wir lautes Lachen und sehen Bewohner dieses Hauses mit Plastiktüten durch die Gegend wandern. Wir denken, es muss einen Zusammenhang zwischen dem Essen, den Tüten und dem Gelächter geben, wissen aber nicht welchen. Die Menschen und ihre Gefühle sind schon unergründlich...

Direkt am ersten Morgen machen wir uns in Richtung Calw auf, die Geburtstadt Hermann Hesses zu erkunden. Die Altstadt ist sehenswert und das Hesse-Museum lohnt den Besuch. Allerdings hat es schon eine gewisse Pikanterie zu sehen, was diese Stadt aus ihrem Ehrenbürger herausschlägt. Zunächst missachtet, dann als er den Nobelpreis für Literatur erhielt, bemerkt und anerkannt, nun zu seinem 125ten Geburtstag am 2. Juli gnadenlos vermarktet. Hermann Hesse Krawatten, Brillen, sogar Badeanzüge – wo er doch bekennender Nudist gewesen ist. Auch wir erliegen dem Zauber des Kommerz und erstehen einige Devotionalien, allerdings nur Karten, Bücher und CDs, von den Schirmen, Feuerzeugen und Tragebeuteln mit dem Porträt des Dichters nehmen wir Abstand. Natürlich besuchen wir auch das Hesse-Museum und eine Ausstellung seiner Aquarelle. Der gesamte beschauliche Ort ist vom Hesse-Geburtstag gezeichnet. Das meine ich durchaus positiv, sehr schön finde ich beispielsweise die Spruchbänder mit Lebensweisheiten Hesses, die an einigen Stellen im Ort aufgehängt worden sind. Neben ihnen stehen jeweils bequeme Sessel, ein Tischchen und die passende Lektüre, das lädt ja förmlich zum Innehalten und Verweilen ein. Überschattet wir die Beschaulichkeit nur von der Fußball-Weltmeisterschaft. Die meisten Geschäfte ziert während des Spieles Deutschland gegen Korea das Schild „ Heute ab 13 Uhr 20 geschlossen. Nach dem Sieg der deutschen Elf ist in und um Calw – und wahrscheinlich nicht nur dort – die Hölle los. Hupende Autocorsos und über all das unvermeidliche Flaggenschwenken und Deutschland-Deutschland Rufe. Es mag ja die schiere Freude sein – für mich ergibt sich ein Bild aus Nationalstolz und Aggressivität, vielleicht kann ich nicht mit neutralem Blick auf die Szenerie schauen, möglicherweise können sich aber die Deutschen gar nicht so herzlich und ehrlich freuen wie Menschen aus anderen Ländern, ich weiß es nicht. Nach dem Endspiel werde ich jedenfalls nach Möglichkeit im Haus bleiben. Gründe zum Feiern und Freuen finde ich schon genug, auch ohne Sport, Spiel und Siege...

Hermann Hesse kommentierte übrigens die Tatsache, dass er 1946 den Nobelpreis für Literatur erhielt, mit der Bemerkung, ihm hätte genauso gut ein Dachziegel auf den Kopf fallen können, weil der folgende Rummel um seine Person die ihm notwendige Ruhe störte.

Das Kloster Maulbronn ist eine weitere Station unserer Hesse-Reise. Hier, im evangelisch-theologischen Seminar war er nur ein knappes halbes Jahr. Er hatte Schwierigkeiten sich einzufinden und anzupassen, lief eines Tages plötzlich davon und irrte über 24 Stunden durch die kalte Märzluft. Der Leiter des Internats bestrafte ihn dafür mit 6 Stunden Karzer. Bald darauf holten die Eltern ihren Sohn Hermann nach Hause, da er mit der Situation im Seminar nicht mehr zurecht kam. Auch dort erging es ihm nicht besser, begegnete ihm nur Unverständnis. Der pubertierende, nervlich zart besaitete, mit Phantasie und Willen begabte Sohn, der „ein Dichter oder gar nichts“ sein wollte, wurde nach einiger Zeit nach Stetten in eine Nervenheilanstalt gebracht. Das Kloster ist auf jeden Fall eine Reise wert. Es ist eigentlich eine komplette, ummauerte Klosterstadt mit Wirtschaftsgebäuden, Werkstätten, Gesindehäusern, Stallungen, Bäckerei, Küferei und allem, was man sonst noch zu einem unabhängigen Leben benötigt. Die besterhaltene Klosteranlage Deutschlands wurde vor einigen Jahren von der UNESCO in die Liste der Weltkulturdenkmäler aufgenommen. Wir haben das Glück, in der Kirche eine ältere Dame zu treffen, die hier früher Touristen durch das Kloster geführt hat und nun begierig darauf wartet, einzelnen Besuchern ihr Wissen weiter zu geben. Sie ist jeden Tag in der Kirche, vom Morgen bis zum Mittag, und weiß viel zu erzählen. So haben wir von ihr zum Beispiel erfahren, dass entgegen anderer Behauptungen die Mönche niemals frieren mussten in ihrer Behausung. Beim Bau eines Klosters wurde darauf geachtet, dass im Westen des Kreuzgangs keine Fenster eingebaut wurden, so war das Gebäude im Sommer relativ kühl, im Winter aber durchaus warm. Hier lebten die Zisterzienser, die ja getreu dem benediktinischen Motto „bete und arbeite“ ohnehin nicht viel zum Frieren kamen. Geschichtlich wird das Kloster erstmals um das 11 Jahrhundert erwähnt. Im 15 Jahrhundert wurde das Kloster evangelisch, es wurde eine und eine Schule eingerichtet, zu deren berühmten Schülern Johannes Kepler und Friedrich Hölderlin zählten. Auch heute besteht dort noch ein kirchlich geleitetes Seminar mit Internat und öffentlichem Gymnasium.

In seinem Werk „Unterm Rad“ beschreibt Hesse genau die Ereignisse und Hintergründe jener Tage. In einem Brief von 1899 schreibt er:
„.... Es war der erste und wichtigste Schritt meines Lebens, als ich damals, voll glühenden Durstes nach Licht, Schönheit, Freiheit, aus dem Kloster entfloh, und ich leide noch heute unter dieser knabenhaften Geniereise. Was ich fand, das lohnte wahrlich diese verzweifelte Sehnsucht nicht. Dort liegt nun, im Schatten von Linden, mit den Bogenfenstern, Kreuzgängen und Kapellen, weltabgeschieden ein Stück meiner Jugend unerlöst und blickt mich mit Vorwurf an.“

Der Höhepunkt unseres Besuches in Maulbronn ist ein Klosterkonzert. Bernd Glemser spielt mit dem Polnischen Kammerorchester Rachmaninoffs zweites Klavierkonzert und das romantische Klavierkonzert in a-Moll von Schumann. Es ist wunderbare Musik und die Kirche ist ein passender Ort für solch himmlische Klänge. Doch leider sitzen wir – und nicht nur wir – so unglücklich, dass wir nur vier Geiger und die Männer an den Schlagwerken sehen. Dirigent, und vor allem der Pianist, bleiben uns verborgen. Zudem dringt der Flügel nicht recht durch, das Orchester ist stärker. Mit geschlossenen Augen genieße ich die russisch beseelte Musik und ignoriere Papiergeraschel und Knoblauchgeruch meines mir unbekannten Sitznachbarn zur Linken sowie das Husten und Niesen – ein Muss bei jedem Konzert. Schade, dass der Flügel nicht lauter an unser Ohr dringt, liegt es an der Akustik, allgemein oder im Speziellen an unserem Platz? Wir wissen es nicht. Den Pianisten trifft keine Schuld, er spielt fabelhaft. Er gibt leider nur eine einzige Zugabe, auch wenn wir klatschen und mit den Füßen trampeln. Es gibt schon viele Ungerechtigkeiten und Widrigkeiten in dieser Welt...



Hermann Hesse schrieb über die Musik:
„Was wäre unser Leben ohne Musik! ... Wenn man mir oder jedem halbwegs Musikalischen, etwa die Choräle Bachs, die Arien aus der Zauberflöte oder dem Figaro wegnähme, verböte oder gewaltsam aus dem Gedächtnis risse, so wär das für uns wie der eines Organs, eines halben oder ganzen Sinnes.“

In Tübingen trat Hermann Hesse 1895 eine Lehre als Buchhändler an. Er hatte in diesen Vorschlag eingewilligt, um aus dem Elternhaus zu entfliehen. Immerhin war er hier seinem eigentlichen Berufswunsch, Schriftsteller zu werden, näher als zuvor in Calw bei einer Mechanikerlehre. Wir bummeln durch die historisch gewachsene Altstadt, die weder vom Krieg noch Bauboom gezeichnet ist. Die vielen Studenten bringen aus aller Herren Länder belebende Kultur in den verschlafenen Ort und sorgen für Leben, das allerdings beschaulich ist. Auf dem Neckar fahren Boote, die von einem Mann mit einem langen Stock durchs seichte Wasser gestakt werden, fast wie auf dem Canale Grande in Venedig. Cafes und Biergärten an jeder Ecke, Teeläden und Gärten mit sonnigen Plätzen, Bücherstuben und alternative Geschäfte – das Studentenleben kann schon auch manchmal lustig sein...



Epilog


Fast eine Reise auf den Spuren von Hesse haben wir gemacht. Natürlich wäre Hesse niemals in einen modernen italienischen Sportwagen gestiegen – oder? Über die Fahrt „Im Auto über den Julier“ nach Sils Maria hielt er 1949 fest:
„... zieht lang der Straße Band inmitten, einst Heer- und Pilgerweg, und jetzt von schnurrenden Maschinen abgewetzt mit Menschen drin, die alles hätten, sich aus dem Lärm ins Sommerglück zu retten, nur keine Zeit. Wir hasten mit, es ist noch weit bis Bivio, bis Chur, Paris, Berlin. Wir hasten auf der hageren Straße hin, wir sehen grat-entlang die Wolken ziehn, das Steingeröll mit blinden Wasserlachen, die graue Kühle will uns schauern machen, doch die Maschine reißt uns ohne Gnade hinan, hinab, hinweg. Heroisch hart ins Grau empor die steile Steinwelt starrt. Wir fliehen, fliehen, und wir fühlen: ´schade...`

Hätte er ein Laptop benutzt um seine Erinnerungen and die Reise festzuhalten? Nun, Anfang 1908 erstand Hermann Hesse eine Schreibmaschine, „... würdig und rührend wie eine Lokomotive stand sie da, zu einem Spottpreis feilgeboten, von jedem Lehrling belächelt, sie, die einst Triumph und letzter Schrei der Technik gewesen war...“ schrieb er 1927. Zehntausende von Briefen und die Druckvorlagen fast aller Manuskripte entstanden auf der Smith Premier No. 4.

Ich denke, er besäße, wäre er ein Kind unserer Zeit, ein altes Auto und schriebe seine Manuskripte mit dem PC, nicht der schickste, nicht die neuste Version – eben all die Sachen, über die andere Menschen lächeln und vielleicht gar spötteln. Nun, mit/trotz dieser Einstellung hat er immerhin den Nobelpreis gewonnen und ist immerhin 85 Jahre alt geworden. Daraus schließe ich, dass es nicht gesund ist, immer auf der Überholspur zu fahren...