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Zug um Zug



Inmitten zwischen gestapelten Kartons verbringen wir eine Woche in unserem Domizil in Köln. Es liegt nicht an uns. Wir sind bereit. Unser Haus im Bergischen Land steht auch schon da, hat Fenster, eine Haustür, Estrich … allerdings muss die Fußbodenheizung nach dem Aufheizen noch 6 Tage ruhen, erst dann darf der Fliesenleger seine Arbeit tun. Die Heizung kann aber nicht rechtzeitig hochgefahren werden, weil ein Kabel 20 Zentimeter zu kurz bestellt worden ist. Typisch Mann. Eine Frau weiß ganz genau, wie viel 20 Zentimeter sind. Verschieben wir eben den Umzug. Der Nachmieter, die Küchenplaner und der Umzugsunternehmer sind begeistert, sie haben ja sonst nicht viele Termine. Also statt am 11. ziehen wir nun am 18. Januar um. Meine Mutter bemerkt noch am Abend des 11.01., dass wir ja Glück gehabt hätten, es sei ja scheußliches Wetter gewesen. Wie sagt der Volksmund so schön: „Sei froh, es hätte schlimmer kommen können.“ Ich war froh … und es kam schlimmer.

Am Abend des 17.01. 2007 gibt es eine Orkanwarnung. Kyrill, der schlimmste Orkan aller Zeiten soll am folgenden Tag über Deutschland hinwegfegen. Ich bin noch frohen Mutes, denn in Köln, wo wir ja noch immer wohnen, sagt man: „Et hätt noch immer joot jejange …“ Ich fühle mich müde, es war schon etwas stressig, mehr als 100 Kartons zu packen und das Haus in einen einigermaßen ordentlichen Zustand zu versetzen. Vor dem Zubettgehen denke ich noch, jetzt fehlt eigentlich zu meinem Glück nur noch meine Periode, die ist immer dann da, wenn ich sie nicht brauche, genau wie die Polizei. Gesagt, geschehen, Wünsche werden scheinbar prompt erfüllt. Leider habe ich wohl einen einzigen Wunsch frei gehabt, denn meine Bitte, nun sofort im neuen Haus zu sein, samt aller Möbel, erfüllt sich nicht.

Der Wecker reißt mich aus einem wirren Traum, es ist 5:30 Uhr. Schnell geduscht und gefrühstückt. Ich gehe in Gedanken noch einmal meine Umzugsplanung durch. Die Katzen bleiben zunächst in meinem Arbeitszimmer, bis Johannes Zimmer ausgeräumt ist. Anschließend bringen wir sie in seinen Raum und meine Eltern achten darauf, dass niemand die Tür öffnet. Johannes fährt zum Haus und weist die Möbelpacker ein, ich düse hinterher und hole die 30 belegten Brötchen beim Bäcker im Bergischen Land ab, koche Kaffee und natürlich werde ich Wanda mitnehmen, auch wenn sie nur im Weg stehen wird. Meine Eltern sind pünktlich. Die Umzugsunternehmer sind flott. Bereits um halb zehn ist der Wagen voll. Ich verspreche, rasch mit Proviant nachzurücken. Die Möbelpacker nicken erwartungsvoll, denn ein gutes Frühstück sei wichtig.

Der Nachmieter kommt, hat Fragen, ich übergebe die Schlüssel, muss im Garten noch Häufchen entsorgen, die Katzen umpacken … Rasch werfe ich mich ins Auto. Ich vergesse meine Jacke, aber zum Glück habe ich sonst alles dabei. Vor mir fährt ein Wagen vom Zirkus Roncalli. Er kann ja nicht schneller, aber ich fluche trotzdem leise vor mich hin. Unterwegs ruft schon die Bäckereifachverkäuferin aus dem Bergischen Dorf an, will wissen, ob ich denn auch wie vereinbart käme. Wir sind auf dem Land, denke ich, und ja, ich fliege gerade am Zielort ein. Endlich erreiche ich das gelobte Land. Frohgemut hüpfe ich in die Bäckerei und verkünde meinen Namen und dass ich nun die 30 Brötchen abholen würde. Die bebrillte Dame hinter der Theke mustert mich eingehend und schüttelt ihren ordentlich frisierten Kopf. Sie wisse nichts von 30 Brötchen. Ich werde blass und anschließend rot. Der Chef erscheint und auch die Kunden blicken interessiert zu mir herüber. Ich wage einen letzten Versuch. Aus meiner Hosentasche zücke ich einen zerknitterten Zettel. „Das ist doch aber hier die Mühlenbäckerei, oder?“ Diese Frage wird bejaht. Moment mal, wenn dies die richtige Backstube ist, mit wem habe ich denn dann telefoniert? Ich verzichte auf eine Hausdurchsuchung und verlasse mit einer gemurmelten Entschuldigung den warmen Laden, um mich schuldbewusst in den Regen zu stellen und die Telefonnummer zu wählen, unter der ich zuvor mit der Bäckereifachverkäuferin gesprochen habe. Hier erfahre ich dann, dass ich in der falschen Bäckerei gelandet bin. Prima, denke ich noch, in dieser Lokalität kann ich mich nun schon mal nicht mehr ohne Verkleidung sehen lassen.

Ich schwinge mich in mein Fahrzeug und rase – rechtzeitig den Starenkasten entdeckend, und im ersten Moment noch zweifelnd, ob ich nicht doch ein nettes Foto von diesem Tag haben wollte, dann aber verzichtend – zum Ort der Bestimmung. Die Dame hinter der Theke ist nett und verständnisvoll. Das tut gut. Sie händigt mir die 30 Brötchen und die 20 Teilchen aus und wünscht uns viel Glück, einen schlechteren Tag hätten wir für unseren Umzug nicht aussuchen können. Der Sturm wird bereits stärker. Ich rufe kurz an, dass ich mit den Fressalien unterwegs sei. Kurz vor einer Wegbiegung muss ich anhalten und ein Reh verjagen, das orientierungslos über die Straße hoppelt. Mein Hirschjäger auf der Rücksitzbank bekommt von all dem nichts mit, mein Hund schläft seelig und scheint ihr ursprüngliches Tätigkeitsgebiet vollkommen vergessen zu haben.

Ich werde erwartet. Rasch packe ich die Brötchen aus, stelle die Kaffeemaschine an und … Da fahren die Umzugsunternehmer bereits wieder nach Köln. Ohne das so wichtige Frühstück. Ich warte, bis die Kaffeemaschine fertig ist und spurte mit meinen Brötchen hinterdrein. An einem Cafe sehe ich den Wagen, haste hinein und erkläre den kauenden und schlürfenden Möbelpackern meine Lage und, dass sie nicht noch eine Lage Brötchen bestellen müssen, ich würde vorfahren und das Frühstück bereiten.

Die Brötchen werden zögernd und nur unter meinem Drohen gegessen. Meine Eltern sind gut beschäftigt. Überall ist noch etwas zu fegen und zu räumen. Schnell ist der Umzugswagen wieder voll. Ich hechte mit den Brötchen hinterher. Wanda ist natürlich im Weg, hechelt, liegt bald hier, bald da. Die Küche wird geliefert, die Toiletten und die Treppe werden eingebaut. Was stört es uns, dass im gesamten oberen Stock noch der Estrich liegt. Das ist schließlich normal, gehört zum Hausbau dazu. Außerdem kann man die Arbeiter viel besser versorgen, wenn man schon im Haus wohnt. Immerhin müssen wir nicht in den Wald, wenn wir ein menschliches Bedürfnis verspüren und wir brauchen auch nicht über eine Leiter ins Schlafzimmer zu klettern. Der Sturm entwickelt sich zu einem ausgewachsenen Orkan. Wanda findet keine Ruhe. Ich gehe mit ihr ein Stück spazieren, kehre aber wegen der frischen Brise rasch heim. Wir haben keine einzige Tür im Haus. Am frühen Nachmittag fällt der Strom aus. Ich rufe meine Eltern an und bitte sie, die Katzen im alten Haus zu lassen, ich weiß wirklich nicht wohin mit ihnen.

Wanda schläft in der Küche und ist vollkommen unbeeindruckt von Sturm, Stromausfall und lärmenden Handwerkern. Meine Füße tun weh. Ich will nach Hause, aber da bin ich ja nun. Der Strom ist nach einer Stunde wieder da und die Handwerker werkeln weiter. Die Möbel und Kisten werden in der unteren Etage gestapelt, dass man kaum noch gehen kann, der Carport ist ebenfalls voll. Nur das Bett und ein Schrank werden nach oben gehievt. Fröhlich räumen wir vor uns hin, versuchen ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen. Plötzlich haben wir wieder Stromausfall. Diesmal wird er 24 Stunden dauern, aber das wissen wir ja noch nicht. Es ist schon dunkel und zum Glück haben wir Teelichte, ein Feuerzeug und eine Taschenlampe zur Hand. Meine Eltern stiften ein batteriebetriebenes Radio und so verfolgen wir gespannt die Entwicklung des Orkans. Gegen acht Uhr brechen meine Eltern auf, denn sie haben ja ein Zimmer in einem Hotel ganz in der Nähe gebucht – was, wegen der Möbelmesse nicht leicht gewesen ist. Wir sitzen noch da und trinken Wein, verzehren die letzten Brötchen, als aus dem Dunkel ein Licht auftaucht, das an unserem Küchenfenster tanzt. Nein, kein Einbrecher, ein Nachbar, der sich besorgt nach unserem Wohlergehen erkundigt. Der Strom sei nie lange weg hier, beruhigt er uns. Wir wünschen eine gute Nacht, als wiederum an der Tür geklopft wird. Meine Eltern stehen da, es ist kein Durchkommen, alle Straßen sind gesperrt. Der Nachbar freut sich, auch direkt die Familie kennen zu lernen. Auf dem Land ist es anders. Schön ist es, bis auf die Naturgewalten. In Köln regt man sich über eine Stunde Stromausfall auf. Meine Eltern bekommen unser Bett, wir schlafen auf dem Fußboden im Erdgeschoss. Wanda ist begeistert, rückt nah an die Schlafstatt heran. Meine Knochen schmerzen, wie verwöhnt man doch als Städter ist. In meiner bevorzugten Schlafstellung, auf dem Bauch, kann ich nicht liegen, die Hüftknochen scheinen zu wenig gepolstert, obschon ich meiner Meinung nach über genügend Fettreserven verfüge, sie sind vielleicht an der falschen Stelle. Ich hieve mich auf die Seite und unterdrücke einen Schmerzenslaut, ab nun bin ich ein Landei und Landeier klagen nicht.

24 Stunden Stromausfall, Sturm und Schmutz. Am nächsten Tag holen wir die Katzen. Neugierig erkunden sie das neue Terrain. Nachts und wenn die Handwerker da sind, müssen sie eingesperrt werden, gar nicht so einfach ohne Türen. Apropos, keine Türen, das ist zwar kommunikativ, aber wenig privat. Besonders wenn jeden Tag noch Handwerker im Haus sind. Wir räumen und putzen und es zäht so vor sich hin.
Die Küche wird eingebaut, denn zum Glück gibt es auch Akkuschrauber, die vollkommen ohne Strom auskommen und Handwerker, die ihre Akkus immer aufladen. Meine Schwiegereltern erscheinen mit Kartoffelsalat und Streuselkuchen. Sie waren drei Stunden unterwegs, überall behindern Sturmschäden den Verkehr.
Am Nachmittag ist der Strom plötzlich wieder da. Ich sause los und besorge eine Füllung für den Kühlschrank. Als alle verschwunden sind, essen wir unsere erste Pizza im neuen – zum Glück selbstreinigenden – Ofen und schlafen im eigenen Bett. Die Katzen finden es scheinbar nicht in Ordnung, dass sie in einem Zimmer eingesperrt die Nacht verbringen sollen. Mein Kater schreit und kratzt an den Kartons. Wanda weiß scheinbar auch nicht so genau, wo sie sich hinlegen soll, schnauft und wandert umher. Beim morgendlichen Blick in den Spiegel, der provisorisch an eine Badezimmerwand gelehnt ist, sehe ich eine unbekannte, übermüdete Dame mittleren Alters. Ich wende mich ab, ich versuche es später noch einmal.

Eine ganze Woche begleiten uns die Handwerker nun schon fast. Es ist Mittwoch und ich warte – auf Handwerker natürlich. Für die bin ich um halb sechs aufgestanden, und die erscheinen natürlich nicht, wie angekündigt zwischen sieben und acht, sondern gegen zehn. Die Türen und der Fußboden im oberen Geschoss, die schon am Montag kommen sollten, werden erst am Mittwoch eingebaut. Duschen können wir erst ab Dienstag, denn in der Badewanne gibt es noch keine Armatur und die Fliesen in der Dusche sind noch nicht verfugt. Zum Glück halte ich mich vorwiegend in Gegenwart meines ebenfalls ungeduschten Göttergatten und der in dieser Hinsicht äußerst unempfindlichen Vierbeiner auf. Installateur, Alarmanlagenbauer, Elektriker, Treppenbauer, Maler und Fliesenleger sind quasi unsere Mitbewohner. Ich gehe mit Wanda in den Wald, wann immer sich die Gelegenheit ergibt und verrichte mit ihr gemeinsam die kleinen Geschäfte im Wald. Das verbindet. Mein Kater Linus kratzt sich eine Stelle am Kopf blutig, er ist eben ein Sensibelchen. Katze Luzie ist relativ unbeeindruckt, hat sich bereits am ersten Abend, nach Erkunden des Terrains, mit Wanda auf der Couch ein Würstchen geteilt. So sind eben auch die Vierbeiner von unterschiedlichem Charakter.

Wir sind müde, jeden Tag um spätestens halb sechs aufzustehen, sind wir nicht gewohnt. Muskelkater und das Gefühl, irgendwie nicht ganz da zu sein, begleiten mich. Es geht mir wie meinem Auto, dem Landrover, über dem einmal jemand gesagt hat: „Er ist nie so ganz ganz, aber auch nie so ganz kaputt.“ Die nette Bäckereifachverkäuferin kennt mich schon, kaufe ich doch täglich mindestens zehn bis zwanzig Brötchen. Sie erkundigt sich immer nach den Fortschritten im Haus. Die letzten Arbeiten werden, bis auf Kleinigkeiten, am Freitag erledigt sein.

Wer ein Haus baut, der kann etwas erleben. Diesen Satz kann ich bestätigen. Eine Weisheit füge ich noch hinzu. Wer ein Haus bauen will, sollte wissen, dass er ein Viertel mehr an Geld und Zeit für die Fertigstellung aufwenden muss, als geplant. Und hier die Weisheit: Der Hausbauer denkt, der Handwerker lenkt.