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Einfach hören, sehen, riechen, tasten ...

Sabine Nölke

„Einfach schauen, hören, riechen, tasten – das gibt es sonst nirgendwo“
Auf dem Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne in Nürnberg entdecken Menschen nicht nur ihre Sinne neu.

"Einen Apfelsaft bitte", eine weibliche Stimme ertönt aus dem Dunkel. "Für mich bitte ein Wasser, das gibt keine Flecken", kichert es aus einer anderen Richtung. Jemand hantiert hinter dem Tresen, ein Kühlschrank wird geöffnet, es klirrt, die Tür schnappt ins Schloss und zwei Flaschen setzen hart auf den Tresen auf. Der Barkeeper bleibt unsichtbar. Sein Akzent klingt russisch: "Möchten Sie Strohhalme ?" Suchend tasten Hände über den Tresen, berühren einander. Die beiden weiblichen Gäste im Dunkel-Café saugen an ihren Strohhalmen.
Das Dunkel-Café gehört zum "Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne" in Nürnberg. An 60 Stationen drinnen und draußen entlang der Pregnitz können große und kleine Leute sinnliche Entdeckungen machen.
Im Klangraum lauschen sie dem riesigen Gong, entdecken ihr Ich im Zerrspiegel oder erproben ihr Gleichgewicht auf den Balancierscheiben.
"Ich merke mir einfach wo die Flaschen liegen," entgegnet der Barkeeper im Dunkel-Café auf die Frage, wie er Lift- und Fanta-Flaschen voneinander unterscheiden kann. Er heißt Anatol. Er ist blind - für ihn ist die Dunkelheit "normal". Eine der Besucherinnen sucht in ihrer Handtasche nach ihrem Portemonnaie. Die Münzen klimpern eine ganze Zeit zwischen ihren Fingern. "Ich glaube, das ist ein Fünfmarkstück", verkündet sie und sucht Anatols Hand. Rasch kramt er Wechselgeld heraus. Einen Fuß vor den anderen setzend tasten sich die Damen zum Ausgang. "Endlich Licht", atmet die eine der beiden auf. Die zierliche schwarzhaarige Frau kneift die Augen zusammen. „Ich bin froh wieder etwas sehen zu können. Wie schrecklich muss es sein, wenn man blind ist.“
Auf der etwa Fußballplatz-großen Erlebniswiese ist es hell und laut. Kinderstimmen schwirren durch die Luft - die meisten Gäste sind jünger als Achtzehn. Auf einem Schwebebalken, der nach hinten immer schmaler wird, balanciert eine ältere Dame. Die Füße in hellen Gesundheitsschuhen schieben sich über das dunkle Holz. Ihr Begleiter hält leicht ihre Hand. Den Kopf mit dem gewellten weißen Haar erhoben und den Körper gestrafft sucht sie ihre Balance. Der hagere alte Mann neben ihr lächelt sie von unten an und reicht ihr am Ende beide Hände, damit sie hinabspringen kann. Er rückt die golden umrandete Brille zurecht. "Die Balancierscheiben werden wir besser auslassen," schlägt er vor, während er ihr den bunten Umhängebeutel aushändigt. "Die Baumuhr finde ich gut," ruft die Dame und schreitet zu der Tafel mit dem aufgeschnittenen Baumstamm. Er stopft sein lilafarbenes T-Shirt in die Jeans und folgt ihr gemächlich.
Auf der Wiese duftet es nach gebackenem Brot. In einer Backstation werden über offenem Feuer selbstgemachte Brotfladen gebacken. Familien und Kindergruppen mit ihren Betreuern drängen über den Kiesboden einem der Tische zu, an denen sie den Teig bereiten. Drei junge Frauen mahlen mit rauhen Pflastersteinen kraftvoll eine Hand voll Körner zu Schrot. Eine junge Frau legt ihren fertigen Brotfladen auf das schwarze Backblech. "Schaut voll trocken aus, gell?" sagt sie zu den bereits angebräunten Fladen eines kleinen Jungen. Zwei Tauben trippeln ans Feuer um ihren Anteil zu ergattern. Ein Junge mit Bürstenhaarschnitt trampelt auf den Boden. Die Tauben flattern davon. Asche wirbelt auf und verziert die dunklen T-Shirts zweier Mädchen mit weißen Flocken. Mit spitzen Fingern angelt die rothaarige korpulente Frau einen Fladen vom Blech und verteilt Stücke an ihre Begleiterinnen. Langsam kauen die Drei und nicken einander zu. "Schön kross, gell?"
"Jetzt ist Pause," verkündet eine zierliche junge Frau, schlappt zu einer der Holzbänke nahe der Backstation und lässt ihren blauen Rucksack auf den Tisch gleiten. Neben ihr hüpft ein kleiner Junge, dem ein Schneidezahn fehlt. Die Frau packt zwei rote Äpfel, eine Flasche Orangensaft und zwei Plastikbecher aus. Das Erfahrungsfeld an der Wöhrder Wiese besucht sie schon zum zweiten Mal, diesmal mit Besuch aus Hessen. „Es ist hier einfach schön. So ganz ohne Konsumzwang. Man kann einfach schauen, hören, riechen, tasten – das gibt es sonst nirgendwo.“ Eine dicke dunkelhaarige Frau läßt sich auf die Holzbank plumpsen. "Jetzt war ich schon zweimal auf dem Barfußweg. Das reicht jetzt.", verkündet sie mit hessischem Akzent. Es riecht nach Brot, Orangensaft und Eau de Cologne. Die hessische Dame fächelt sich mit einem Prospekt kühle Luft in das gerötete Gesicht. „Vielleicht kommen wir nächste Woche noch mal hierher, ich würde gern noch einmal ins Dunkel-Café gehen. Es sind ja noch Schulferien.“ , sagt die zierliche junge Frau und ihr Sohn nickt heftig, „Au ja, aber dann gehen wir auf die riesige Schaukel.“"