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Stärke, Vorsicht und Klugheit - diese Drei



Vor langer Zeit, als es noch keine Menschen, Autos und Handys gab, lebten die Tiere im Königreich Salamien friedlich nebeneinander. Die Vögel flogen und beanspruchten den Luftraum, die Echsen und Schlangen krochen auf dem Boden umher und die Fische schwammen brav im Wasser herum.

An einem besonders heißen Tag, vielleicht war es ein Mittwoch, aber das weiß keiner so genau, denn die Tage hatten noch keine Namen, wanderte eine Schildkröte über einen staubigen Pfad. Sie war noch relativ jung, aber da Schildkröten bis zu hundert Jahre alt werden, war sie, verglichen mit einer kleinen Maus natürlich schon alt und weise. Früh am Morgen hatte sie sich aufgemacht, ihre Großmutter zu besuchen. Seit drei Stunden war sie nun schon unterwegs und langsam begannen ihre Füße zu schmerzen und sie hatte schrecklichen Durst. Da erblickte sie mitten auf dem Weg vor sich eine Schlange, die in der Vormittagshitze döste. Angstvoll blieb die Schildkröte stehen und duckte ihren Kopf unter den Panzer. „Vor Schlangen hat meine Mutter mich immer gewarnt, sie sind klug und hinterlistig. Außerdem kann ein einziger Biss tödlich sein.“ Der ganze Panzer schlotterte ihr vor Angst und sie konnte kaum nachdenken, was jetzt zu tun war. Die Schlange, die noch sehr jung war, öffnete eines ihrer gelben Augen und züngelte ein paar mal leise zischelnd vor sich hin. „Schon wieder so eine blöde Schildkröte“, zischte sie kaum hörbar, „Diese Viecher sind ständig mit Fressen beschäftigt oder sie ziehen den Kopf ein, das ist doch kein Leben.“

Die Schlange, die tatsächlich eine ungiftige Natter war, aber ziemlich giftig tun konnte, hätte nicht übel Lust gehabt, der ängstlichen Schildkröte einen gehörigen Schreck einzujagen. Gerade, als sie überlegte, ob sie den Sprung oder die Schlängel-Zisch-Nummer oder beides vorführen sollte, da trat ein kleiner, aber bereits imposanter Tiger aus dem nahen Gebüsch und beäugte die beiden Wesen, die sich da auf dem staubigen Pfad gegenüber lagen. Der kleine Tiger hatte Langeweile gehabt und war auf Unternehmungstour. Da schienen ihm die beiden kriechenden Gestalten gerade recht um mit ihnen sein Spiel zu treiben. Eigentlich hätte der Tiger lieber zwei gefährlichere Gegner gehabt, vielleicht den kleinen Löwen und den Puma von nebenan, aber nun musste er sich wohl mit dem begnügen, was er vorfand. Die Schildkröte war entsetzt. Wäre sie doch lieber zu Hause geblieben, jetzt würde der Löwe erst die Schlange fressen und dann wäre sie selbst an der Reihe. Die Schlange zischelte: „Oh, hoher Besuch, wenn ich nicht von ihm gefressen werden möchte muss ich mir wohl was einfallen lassen.“ Sie schlängelte seitwärts ein Stück auf die Schildkröte zu und hielt kurz vor deren Panzer an. „Wenn du mir gestattest unter deinem Panzer Schutz zu suchen, dann könnten wir gemeinsam diesen starken Tiger austricksen.“ Misstrauisch lugte die Schildkröte unter dem Rand des gefleckten Panzers hervor. „Ich darf mit keinem fremden Tier reden. Wer sagt mir denn, dass du mich nicht beißt?“ Die Natter zischte: „Nun, ich sage es dir und ich sage dir auch, wenn wir nichts unternehmen, werden wir beide gefressen.“

Argwöhnisch schnüffelte der Tiger und schlich langsam an die beiden heran.
Die Schildkröte konnte er sehen, aber die Schlange hatte sich wohl aus dem Staub gemacht. Nun, musste er eben mit dem ängstlichen unkommunikativen Panzerträger vorlieb nehmen. Er hob eine Pfote und klopfte auf den Panzer. Darauf erschien unter dem Rand des Schildes ein, für eine Schildkröte ungewöhnlicher Kopf mit einer langen, gespaltenen Zunge. Erstaunt zog der kleine Tiger die Tatze zurück. Da sahen ihn die gelben Augen an und schienen ihn zu hypnotisieren, er fühlte sich auf einmal so schwach. „Du bist ein Hase, du hast Angst wie ein Hase, du musst hüpfen wie ein Hase...“ Immer wieder sagte der Kopf mit der zischelnden Stimme diesen Satz und da geschah es plötzlich, dass der kleine Tiger sich auf die Hinterbeine stellte, die Vorderbeine anwinkelte und immer im Kreis herum hüpfte. Die Schlange und die Schildkröte konnten sich zuerst kaum halten vor Lachen. Nach einigen Minuten tat ihnen aber der Tiger leid und sie erlösten ihn aus der Hypnose. Erschöpft brach der Tiger zusammen und als sie ihm erzählten, was sie mit ihm gemacht hatten, da musste auch er lachen. Von da an trafen sie sich einmal in der Woche auf dem staubigen Pfad. Dem Tiger war jetzt nicht mehr so oft langweilig, die Schlange konnte ihre listigen Spiele treiben und die Schildkröte hatte nicht mehr so viel Angst. Die Drei waren ein richtig gutes Team: klug, vorsichtig und stark. Und manchmal sieht man sie noch heute, vielleicht an einem Mittwoch, auf einem staubigen Pfad spielen und sich vor Lachen die Bäuche reiben.

ENDE