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Durch dick und dünn


Im fernen Afrika lebte vor langer Zeit ein kleines Flusspferd mit seiner Mutter und seinem Vater. Sie wohnten inmitten einer großen Herde direkt am Fluss mit dem schönen Namen Nil, das war praktisch, denn Flusspferde baden viel. Fast den ganzen Tag verbrachten sie halb untergetaucht im Wasser, wie dies alle Flusspferde tun und erst wenn es dunkel wurde, kamen sie an Land um Gras zu fressen. Auch andere Tiere lebten in der Nähe. Die Nilkrokodile, die im Wasser ihre Beute erjagten, die Antilopen, die am Fluss Wasserpflanzen abgrasten oder die anmutigen Flamingos mit den rosa Schnäbeln, die auf einem Bein stehen konnten. Das kleine Flusspferd hatte Spielkameraden, einen Freund und eine Familie - und trotzdem fühlte es sich nicht wohl. Manchmal ging es den Fluss hinab, bis zu einer besonders ruhigen Stelle, wo es sein Spiegelbild im Wasser betrachten konnte. Dann sah es ein plumpes, unbeholfenes Tier, wurde sehr traurig und manchmal musste es auch weinen. Gern wäre es so graziös wie ein Flamingo und so flink und schlank wie eine Antilope gewesen. Mutter und Vater konnten die Unzufriedenheit ihres Kindes nicht verstehen. „Sei doch froh, dass du gesund bist und vier Beine zum Laufen, Augen zum Sehen und Ohren zum Hören hast“, sagte die Mutter immer. Sein Freund, das kleine Krokodil, betonte immer wie sehr es ihm gefalle. Natürlich war das kleine Nilpferd froh, dass es gesund war und seinem besten Freund gefiel, aber es wollte lieber anders sein. Einige seiner Spielkameraden hänselten das kleine Nilpferd. „Da kommt das dicke Flusspferd“, riefen die jungen Flamingos, „geht alle schnell zur Seite, das Wasser wird über die Ufer schwappen, wenn es hineinspringt.“ „Na, Dickerchen“, höhnten die Antilopenkinder, „wieso heißt du eigentlich Nilpferd und nicht Nilschwein?“ „Dass ein Tier vom Grasfressen so fett werden kann“, lachten die kleinen Krokodile. Das kleine Nilpferd trottete dann immer so schnell es eben konnte zu seiner geheimen Stelle am Fluss, betrachtete sein Spiegelbild und weinte. „Oh, die anderen Kinder sind gemein. Aber sie haben ja Recht. Ich bin fett und hässlich.“ Weil die anderen immer so grausam waren, hatte das kleine Flusspferd bald keine Lust mehr mit ihnen zu spielen und blieb immer öfter allein. Die Eltern hatten kein Verständnis und lachten das kleine Flusspferd aus, nur die Großmutter konnte das Kind verstehen, vermochte aber nicht ihm zu helfen. So erschuf es sich eine eigene kleine Phantasiewelt. Da hatte es Freunde und einen Beschützer, der es vor allem Bösen bewahren konnte.

An einem besonders heißen Tag hatte das kleine Nilpferd Lust, mit den anderen Nilkindern Ball zu spielen. Sein bester Freund, das Krokodil war mit seinen Eltern nach Norden gezogen. Dort würden sie sechs lange Wochen Urlaub machen. Das kleine Nilpferd stieg aus dem Wasser und stampfte über das Gras des Ufers, als ihm die kleine Antilope begegnete. „Hallo“, sagte das kleine Flusspferd.
Die Antilope betrachtet ihr Gegenüber geringschätzig und sprach: „Du trittst das schöne Gras platt mit deinen fetten plumpen Füßen. Schämst du dich nicht so fett zu sein?“
Wie ein Schlag trafen diese Worte das kleine Nilpferd und es lief weinend davon. Verzweifelt erreichte es seinem Platz am Fluss und hatte nur noch einen Gedanken: „Ich will nicht mehr leben.“ Es starrte auf die Wasserfläche, sah sein verhasstes Spiegelbild und dicke Tränen kullerten ihm von den Wangen, fielen ins Wasser und erzeugten Kreise und Wellen. Doch wie sollte ein Flusspferd am Nil sich das Leben nehmen? Ins Wasser springen? Wohl kaum, denn das Fett würde es oben halten. Zudem war der Nil hier nicht tief genug um sich zu ertränken. Da tauchte aus dem Wasser ein dicker Fisch auf. Er war silbergeschuppt und hatte einen roten Mund. „Oh, ich dachte es regnet, weil ich die Tropfen auf die Wasseroberfläche fallen sah. Aber nun sehe ich, es regnet Tränen. Warum weinst du?“
Das kleine Nilpferd entgegnete: „Die anderen Kinder lachen mich aus, weil ich so dick bin. Ich bin nicht so graziös wie der Flamingo und so flink und schlank wie die Antilope. - Ich will nicht mehr so fett sein.“
Der silberne Fisch machte mit dem roten Maul einige Luftblasen. Dann kratzte er sich mit der linken Flosse am Kopf, schüttelte sich, dass die Schuppen flogen und blubberte: „Nun, das ist kein Problem.“ Er tauchte ab und erschien nach kurzer Zeit mit einem alten Stein. „Hier, nimm diesen Stein ins Maul und lutsche ihn. Es ist ein Diätstein. Wann immer du Hunger hast, dann iss nichts, sondern lutsche diesen Stein.“
Ungläubig blickte das kleine Flusspferd den Fisch an. „Das soll alles sein?“
„Ja“, nickte der Fisch, „das ist das ganze Geheimnis. Ich überlasse ihn dir für einen Sonderpreis.“
Der schuppige Geselle kassierte, verschwand rasch im kühlen Nass und ließ das Nilpferd mit dem Stein allein. „Da ist ja einfach,“ dachte es und machte sich zufrieden auf den Heimweg.

Drei Wochen lang hatte das Nilpferd nun schon kein Gras gefressen und den Diätstein gelutscht. Vater und Mutter machten sich Sorgen, redeten auf ihr Kind ein, es möge endlich wieder essen. Die Spielkameraden besuchten das kleine Flusspferd nicht, denn es hatte gar keine Lust mehr zu spielen und kaum noch Kraft um zu laufen.
„Ich werde es euch zeigen“, ächzte das kleine Nilpferd, „noch eine Woche und ich bin dünn!“
Abends nahm es alle Kraft zusammen und schleppte sich zu seiner geheimen Stelle am Fluss, um zu kontrollieren, wie dick es noch war. Voller Stolz sah es, dass sein Bauch gar nicht mehr so rund und sein Hintern weniger umfangreich waren als noch vor drei Wochen.
„Das war eine große Leistung“, blubberte es aus dem Fluss. Das alte Krokodil glitt durch das stille Wasser und blickte zum Ufer. „Das könnte ich nie schaffen, drei Wochen lang nichts essen – ich bin beeindruckt.“
„Ich werde weitermachen, bis ich schlank wie eine Antilope und graziös wie ein Flamingo bin“, entgegnete das Nilpferd und blähte die Nüstern. „Kein Kind wird mich dann noch auslachen.“
Das graugrüne Krokodil gähnte. „Da wünsche ich dir viel Glück. Wenngleich ich denke, dass ein Nilpferd eben ein Nilpferd bleiben sollte und eine Antilope eine Antilope. Du kannst Diät machen soviel du willst, du wirst niemals so aussehen wie die Gazellen und Flamingos.“
Damit tauchte das gewaltige Tier unter und verschwand. Wütend blickte das kleine Flusspferd auf die Stelle im Wasser wo jetzt kleine Blasen aufstiegen. „Ich werde so schlank sein wie die Antilope und so grazil wie der Flamingo. Was weiß denn dieses blöde Krokodil.“ Schnaubend stampfte es nach Haus zurück, auf einmal hatte es wieder neue Kraft – die Kraft der Wut und des Ehrgeizes.

Nach sechs Wochen konnte das kleine Nilpferd bereits seine Rippen fühlen und der Bauch und der Hintern waren fast nicht mehr zu sehen. Die neu erworbene Kraft wich allmählich einer großen Müdigkeit und nun konnte das Tier selbst den Weg vom Fluss an Land nur noch mit der Hilfe seiner Eltern schaffen. Vater und Mutter waren verzweifelt, sie versuchten es mit Liebe und mit Gewalt, aber ihr Kind weigerte sich zu essen.
Als es an einem etwas kühleren Abend gerade verzweifelt versuchte aufzustehen, um zu seinem Geheimplatz am Fluss zu gehen, hörte es die lauten Rufe eines Schreiseeadlers, der flussabwärts nach Fischen jagte. Mit letzter Kraft rappelte sich das dünne Nilpferd hoch und taumelte am Fluss entlang. Bevor es seinen Lieblingsplatz erreicht hatte, versagten seine Beine ihren Dienst und das Tier fiel um wie ein Stein.
„He, Nilpferd!“ Der Adler hatte das Tier entdeckt und landete neben ihm am Boden. „Hallo, lebst du noch?“ Vorsichtig stupste der Vogel das kleine graue Tier in die Seite.
Langsam kam das Nilpferd wieder zu sich. „Wer bist du?“, hauchte es.
„Ich bin der Schreiseeadler. Du siehst schwach aus, bist du krank?“
Die Antwort war kaum hörbar, der Adler musste dicht an das Maul des Tieres herankommen, um sie zu verstehen. „Ich will so schlank wie die Antilopen und so graziös wie die Flamingos sein.“
Kopfschüttelnd fragte der Schreiseeadler: „Wieso willst du das?“
„Die Antilopen und die Flamingos und die anderen Tierkinder lachen mich immer aus, weil ich so fett bin. Aber ich werde es ihnen zeigen.“ Das kleine Nilpferd stöhnte und atmete schwer. „Ich werde so dünn sein wie sie und alle werden mich bewundern.“
Der große Vogel blickte ernst auf das schwache Tier herab. „Du hast also schon sehr lange nichts gegessen. Wenn ich dich so anschaue, dann glaube ich, du wirst nicht nur so dünn wie die Flamingos sein, ich glaube, wenn du so weiter machst, wirst du nicht mehr lange leben.“
„Quatsch“, das kleine Flusspferd röchelte, „ich werde dünn sein und die anderen Kinder werden mich mögen.“
„Warum ist es denn so wichtig, dass die anderen dich mögen?“
„Na, weil das doch jeder will, oder?“ Fragend sah das Nilpferd den Adler an.
„Nun, ich weiß, dass mich einige Tiere mögen, anderen bin ich gleichgültig und einige ärgern sich über mich. Mir ist ganz wichtig, was die Tiere von mir denken, die ich lieb habe. Wen hast du lieb?“
„Meine Eltern und natürlich meinen Freund, das kleine Krokodil.“
„Haben die dich auch ausgelacht?“
Das Flusspferd überlegte kurz. „Nein, eigentlich nicht.“
„Findest du es nicht auch ziemlich dumm, wenn ein Kind ein anderes auslacht?“
„Mhhh. Also ein wenig blöd ist das schon, denn man tut dem anderen ja damit weh.“
„Willst du denn Tieren gefallen, die blöd sind?“
Empört stieß das kleine Nilpferd ein „Nein“ hervor. „Aber ich will nicht, dass sie mich auslachen.“
„Glaubst du sie werden aufhören dich auszulachen, wenn du dünn bist? Vielleicht werden sie ein mageres Nilpferd genau so lächerlich finden, wie ein normales.“
„Aber warum kann ich nicht so sein wie sie?“, weinte das Kleine.
„Beantworte mir ein paar Fragen.“ Der Adler hob die Flügel ein wenig und blickte das Flusspferd an. „Du willst so graziös sein wie die Flamingos. Aber hast du diese Vögel schon einmal im Wasser beobachtet, oder wenn sie laufen, sind sie dann noch elegant? Bewegen sie sich auch so graziös unter Wasser wie du es kannst? – Die Antilopen sind flink an Land, aber können sie sich im Fluss so rasch und geschmeidig bewegen wie du?
Das kleine Flusspferd überlegte. „Nein.“ Es hatte aufgehört zu weinen und schluchzte nur noch gelegentlich in sich hinein.
„Jedes Tier hat seine Fähigkeiten und Aufgaben auf dieser Welt. Die Gazelle zupft das Gras, die Flamingos entfernen die kleinen Lebewesen aus dem ufernahen Wasser und die Krokodile sorgen dafür, dass nicht zu viele größere Tiere im Fluss schwimmen. Die Nilpferde wiederum sorgen bei Nacht für die Graspflege – ein jeder nach seinen Anlagen. Ein Nilpferd, das so mager ist wie du, wird im Wasser untergehen. Wenn du kein Gras mehr frisst, dann wuchert es wild am Ufer und die anderen Tiere können nicht mehr dort hergehen. Wenn du nichts mehr frisst, dann fehlt im Wasser dein Kot, der die Algen wachsen lässt, die wiederum andere Wassertiere als Nahrung brauchen.“
Nachdenklich blickte das kleine Flusspferd in den Himmel. „Ich bin also nicht schlechter als die anderen Tiere?“
Der Schreiseeadler schüttelte den Kopf. „Du bist wichtig. Jedes Tier ist auf seine Art wichtig und auch schön. Einige Tiere sind vielleicht ein wenig graziler, aber vielleicht sind sie dafür eingebildet und herzlos. Niemand ist hässlich, es gibt nur Tiere, die sich hässlich benehmen. Und wenn du denen wirklich gefallen möchtest, dann musst du weiter hungern, aber das würde ich mir überlegen. Es gibt so viel Schönes auf dieser Welt, aber du musst wieder Kraft sammeln, um das zu erleben.“
Er verabschiedete sich mit seinem typischen Schrei und fischte einen dicken silbernen Fisch aus dem Wasser. „Den wollte ich schon lange fangen“, rief er im Flug noch dem kleinen Nilpferd zu, „der Scharlatan verkauft nämlich angebliche Diätsteine an Nilpferde, die sich zu dick finden. Nun, zum Glück ist er selbst ein fetter Brocken und hat die Wirkung der Steine nicht selbst ausprobiert. Er wird mir ein üppiges Mahl sein.“

Das kleine Flusspferd wusste nicht, ob es weinen oder lachen sollte. Es war so schwach, dass es sich nicht allein hochrappeln konnte.
„Hallo kleines Nilpferd?“, tönte eine Stimme hinter ihm.
„Oh, kleines Krokodil. Du bist wieder hier?“ Erfreut hob das Flusspferd den Kopf.
„Ja, der Urlaub im Norden war blöd, da ist es ganz trocken, nichts für uns Krokodile.“ Als das Krokodil näher kam erschrak es. „Meine Güte. Was ist mit dir passiert? Wir müssen sofort Hilfe holen.“ Aufgeregt sprang das Krokodil auf und ab.
„Ich wollte so dünn sein wie die Flamingos“, lachte das Nilpferd schwach, „deshalb habe ich sechs Wochen gefastet. Aber ich glaube ich will nicht so sein wie die, denn irgendwie sind die doch ziemlich hässlich.“
Das kleine Krokodil half dem Freund auf die dünnen Beinchen und rupfte für ihn frisches grünes Gras. „So was Dummes habe ich noch nie gehört. Ein Nilpferd, das so dünn ist wie ein Flamingo. Jetzt wirst du erst einmal etwas essen.“ Es fütterte seinen Freund stundenlang mit dem köstlichen Grün, bis das kleine Flusspferd erschöpft abwinkte. „ Ich kann nicht mehr.“
Arm in Arm saßen die beiden Freunde noch lange am Fluss.
„Ich mag dich wie du bist, als richtiges Nilpferd.“ Das Krokodil lächelte.
Das kleine Nilpferd lachte. „Es ist schön einen Freund zu haben, der mit einem durch dick und dünn geht. - Ich hätte es sowieso niemals geschafft an Land auf einem Bein zu stehen, rosa zu sein und dabei auch noch graziös auszusehen.“
Dann lachten die beiden noch bis die Sonne untergegangen war und schliefen glücklich bis zum Morgen.




ENDE