Kontakt Impressum

Der Fremde


In einem Wald, weit entfernt von allen Städten und Autobahnen, lebte einst ein Eichelhäherkönig. Er bewohnte allein ein Baumhaus in einer alten knorrigen Eiche mit mächtigen Ästen und ausladenden Zweigen. Der Baum spendete dem braunen Vogel mit den blauschwarz gemusterten Flügeln Schatten im Sommer und Früchte im Herbst. Wenn der Winter kam und es ungemütlich wurde, bot die Behausung Schutz vor der Kälte und dem eisigen Nordwind. Im Frühling saß der Eichelhäher oft auf dem obersten Zweig und beobachtete die kleinen Blaumeisen, die geschwätzigen Buchfinken und die zierlichen Zaunkönige, wie sie Nester bauten und Eier ausbrüteten, aus denen dann bald der gefiederte Nachwuchs schlüpfte. Der alte Häher war der Herrscher des Vogelwaldes und seine gefiederten Untertanen fürchteten ihn und gehorchten seinen Gesetzen. Die alte Eiche war der imposanteste Baum in der Umgebung und alle anderen Vögel, die in der Nähe in kleinen Fichten oder Buchen hausten, beneideten den Eichelhäher um seinen Besitz. Der Rabenvogel konnte seine blauen Kopffedern aufrichten, so dass sie wie eine Krone aussahen und er hatte eine imposante Stimme. Die anderen Vögel im Wald hatten Respekt vor ihm und selbst der Falke, der einige Bäume weiter wohnte, flog einen großen Bogen um den alten Eichenbaum. Wenn es dem Eichelhäher gefiel, dann flog er in seinem Königreich umher und alle anderen Vögel mussten dann still sein und Deckung suchen. Wehe es wagte ein besonders vorwitziger kleiner Flieger dieses Gesetz zu übertreten, der wurde schrecklich bestraft. Die Verbannung aus dem schönen Wald war noch die geringste Strafe. Einmal hatte der Häher eine kleine Tannenmeise erwischt, wie sie seinen Weg kreuzte. Hastig hatte sich der kleine Vogel entschuldigt, aber der Eichelhäher hatte ihm die Flugfedern ausgerissen und er konnte nicht mehr fliegen.An einem besonders schönen Frühlingstag kam ein Neuling in den Teil des Waldes, in dem die Eiche stand. Ein unscheinbarer brauner Vogel mit hellem Bauch und großen Augen flatterte in einen der Brombeerbüsche im Dickicht unter den Bäumen. Ein Buchfink rotgefiederter Brust hüpfte zu ihm hinüber und fragte neugierig: „Woher kommst du? Ich habe dich noch nie hier gesehen?“
„Ich bin auf der Durchreise. Gerade komme ich aus Italien, das ist da, wo die Zitronen blühen und nun will ich in meine Sommerheimat nicht weit von hier.“ Der Vogel mit den großen Augen war ganz außer Atem. „Ich muss eine Pause einlegen, denn ich bin etwas flügellahm. Morgen werde ich weiterfliegen, meine Frau ist bestimmt schon in unserer Hecke und wartet auf mich.“
„Es wäre besser“, flüsterte der Buchfink, „es wäre besser, du flögest direkt weiter.“
Der braune Vogel legte den Kopf schief. „Wieso? Dies ist ein schöner Wald und es sind doch genug Bäume und Hecken für alle da.“
„Unser König Eichelhäher duldet keine Fremden hier. Er hat verfügt, dass alle Vögel, die nicht hier geboren wurden, hier auch nicht leben, fressen und fliegen dürfen.“
„Aber warum? Hat er einen Grund für diese Anordnung genannt?“
Der Buchfink schnappte nach Luft: „Er ist der Herrscher, er begründet seine Gesetze nicht, er ordnet sie an, überwacht ihre Einhaltung und er bestraft die Vögel, die sie übertreten.“
„Wieso ist er der Herrscher?“, fragte der Fremde. „Hat er eine besondere Fähigkeit? Ist er klug, gerecht und liebenswert?“
„Er ist stark, laut und mächtig und alle haben Angst vor ihm. Es ist besser ihm zu gehorchen, er kann sehr zornig sein.“ Hektisch blickte der Fink umher.
Der unscheinbare Vogel zuckte mit den Flügeln. „Ich war schon viel unterwegs, habe vieles gehört und gesehen, aber so einen Quatsch habe ich noch nie gehört. Wo ist euer König, ich will mit ihm reden.“
Angstvoll blickte der Buchfink den Vogel an. „Tu das nicht, er könnte wütend werden.“
Furchtlos entgegnete der Fremde: „Wo wohnt er?“
Der Fink deutete mit der Flügelspitze auf die große Eiche. Sogleich erhob sich der braune Vogel in die Lüfte und flog zur Eiche. Der Fink flatterte aufgeregt umher und warnte die anderen, die alsbald in der kleinen Fichte zusammenkamen und still und angstvoll warteten.

Einen Moment später ertönte auch schon die laute Stimme des Hähers: „Was? Ein Fremder will einen Platz in meinem Wald beanspruchen? Dieser Wald ist nur für Vögel, die hier aus dem Ei geschlüpft sind. Fremde dulden wir nicht hier.“
Der Eichelhäher erschien mit dem braunen Vogel im Eingang seines Baumhauses. „Du wagst es, mir dumme Fragen zu stellen?“ Er stellte seine blaue Krone auf und stieß den Fremden mit dem Schnabel voran. „Ihr Fremden seid faul, gefräßig und diebisch. Wir wollen euch nicht in unserem sauberen Wald.“
Stolpernd und flatternd flüchtete der braune Fremdling in die Krone des Baumes. „Der Wald gehört allen Vögeln“, rief er verzweifelt aus. Er war am Ende seiner Kräfte. „Ich habe ein Recht hier zu sein, genau wie alle anderen.“
Der Eichelhäher schwang sich empor und packte den Fremden mit seinen scharfen Krallen. „Hier siehst du, was mit ungehorsamen Fremdlingen wie dir passiert, wenn sie in mein Königreich eindringen.“ Er grub seine Krallen tief in das Gefieder des hilflosen Vogels und schleuderte ihn durch die Luft. Zu erschöpft vom langen Flug konnte sich der braune Vogel nicht aufschwingen und fiel zu Boden.
Triumphierend lachte der Häher: „Werft ihn in den Baumkerker. Er soll solange dort sitzen, bis er verhungert und verdurstet ist.“ Damit verschwand er wieder in seinem schönen Haus.
„Ich habe es ihm gleich gesagt“, ängstlich hüpfte der Buchfink um den Fremden herum. Schwach atmend und blutend lag er da. „Bitte helft mir“, flüsterte er mit letzter Kraft.
„Wir müssen dich in den Kerker bringen, es tut mir leid, aber es ist ein Befehl.“
Zu dritt schleppten sie ihn hinüber zu dem alten Baumstumpf, der schon vielen Fremden und Ungehorsamen als Gefängnis gedient hatte und warfen ihn hinein. Auf die Öffnung legten sie ein schweres Stück Eichenholz, so dass es für den Gefangenen unmöglich war zu entkommen. Die Vogelschar blieb noch einen Moment vor dem hohlen Baumstück stehen. „Ob er noch lebt?“ Der Buchfink zitterte.
„Als ob das nicht egal wäre. Früher oder später stirbt er doch in diesem Kerker“, schnarrte der Specht.

Als die Dunkelheit hereinbrach, hüpfte der Buchfink zum alten Baumstumpf und horchte. Ein leises Röcheln kam aus der Höhle des Baumes und der Fink trippelte näher heran. „Hallo brauner Vogel, kannst du mich hören?“, flüsterte er.
Nach einiger Zeit der Stille vernahm er die zarte Stimme des Fremden. „Ja, ich höre.“
„Ich könnte versuchen dir ein wenig Wasser und Körner zu bringen. In dem Baumstumpf ist eine kleine Öffnung, direkt auf der Rückseite.“
Der Gefangene ächzte. „Ich will hier raus. Ich habe nichts verbrochen. Holt mich hier raus.“
„Bitte nicht so laut, sonst entdeckt man mich“, gab der Fink erschrocken zurück.
„Wie viele einheimische Vögel gibt es in eurem Königreich?“, fragte der Fremde.
Der Buchfink überlegte. „Ungefähr hundertzwanzig.“
Ein Stöhnen kam aus dem Kerker. „Hundertzwanzig gegen einen, nicht schlecht.“
„Was meinst du damit?“
„Schon einmal das Wort Revolution gehört?“
Aufgeregt hüpfte der Fink umher. „Sag das nicht! Einmal hat es eine Revolution gegeben, aber die Revoluzzer wurden sofort getötet.“
„Er kann nichts ausrichten gegen hundertzwanzig Kämpfer, wenn, und hierin liegt das Problem, wenn sie sich einig sind.“
„Ich bringe dir Wasser und Körner“, entgegnete der Buchfink und flatterte ohne ein weiteres Wort zu seinem Nest zurück.

Am nächsten Abend flog der kleine Fink wieder zum Baumstumpf. Er hatte nicht nur Körner und Wasser dabei, sondern auch seinen Freund, den gelben Pirol. Eine ganze Stunde erzählte der Gefangene ihnen von den fremden Ländern, die er gesehen hatte. Sie erfuhren, dass in Italien viele ihrer Artgenossen mit Netzen gefangen und anschließend aufgefressen würden. Der Fremde erklärte ihnen die Welt, die sie selbst niemals gesehen hatten. An den folgenden Abenden gesellten sich immer mehr der Vögel zu den abendlichen Treffen. Nur einige wenige blieben fern und zerrissen sich die Schnäbel über die Abtrünnigen. Der Specht, ein besonders treuer Anhänger des Vogelkönigs, beobachtete diese Treffen mit Neid. An einem Abend, an dem mehr Untertanen als je zuvor um den Baumstumpf versammelt waren, flog er zur Eiche, um seinem König Bericht zu erstatten.
„Was?“, der Eichelhäher war außer sich vor Zorn. „Diese Verräter. Ich dachte sie bereiten heimlich meine Schlüpftagsfeier vor. Der gelbe Pirol hat mir das gesagt.“ Er schlug wütend mit den Flügeln. „Natürlich habe ich bemerkt, dass etwas im Gange ist. Das sollen sie mir büßen. Specht“, schnappte er laut, „rufe sofort die Getreuen zusammen, wir werden ein Exempel statuieren.“

Fast sechzig Vögel lauschten an diesem Abend den Ausführungen des gefiederten Gefangenen, der von den Zitronenbäumen und dem Duft des Meeres erzählte.
„Auch ihr könntet frei sein“, erklärte er den Umstehenden, „man muss nicht nach Italien reisen um von der Welt zu erfahren. Es gibt viele Zugvögel wie mich, die euch von den Fremden berichten können. Doch ihr müsst selbst euer Glück in die Hand nehmen, müsst nachdenken statt Befehle zu befolgen, euch einig sein statt euch von ihm entzweien zu lassen.“
Plötzlich fuhr ein Schrei durch die Dunkelheit. Die Vögel stoben auseinander, hastig suchten sie Deckung. Der König schwebte mit mehr als sechzig Getreuen über ihnen. Gleich einem Geschwader stießen die Tiere herab und wen sie erwischten, auf den hackten sie mit den spitzen Schnäbeln ein.
Aus dem Baumstumpf ertönte die Stimme des Fremden. Diesmal redete er nicht, er sang ein Lied, so wunderschön wie es hier noch nie ein Vogel gehört hatte. Die Getreuen des Königs schwebten zu Boden, die Abtrünnigen wagten sich aus ihrem Versteck hervor und alle lauschten schweigend der fremden Melodie.
Einzig der König war in der Luft. „Was ist los mit euch? Los zum Angriff oder ich werde euch alle töten!“
Niemand hörte auf ihn so laut er auch schrie. Das machte ihn so wütend, dass er den Verstand verlor und von Sinnen zeternd und kreischend davonflog.

Die Vogelgesellschaft rührte sich nicht, sie standen alle staunend da und waren so ergriffen, dass sie den König gar nicht bemerkten. Bis zum frühen Morgen sang der Fremde und erst als er sein Konzert beendet hatte, wurden die Vögel sich ihrer Situation bewusst. Der Buchfink ergriff als erster das Wort. „Lasst uns den Fremden aus dem Kerker holen.“
Sogleich kamen der Pirol, die Tannenmeise, der Falke und viele andere Vögel herbei und entfernten die schwere Eichenplatte.
Der unscheinbare braune Vogel flatterte heraus.
„Warum kannst du so schöne Lieder singen?“, fragte der gelbe Pirol und hatte vor Staunen immer noch ganz große Augen.
„Das ist ganz normal für einen Fremden wie mich.“ Der braune Vogel lachte. „Ihr seht aus, als hättet ihr einen Geist gesehen. Ich bin eine Nachtigall. Ich singe mein Lied immer dann, wenn die anderen Vögel schon fertig sind.“
Ein Raunen ging durch die Vogelmenge.
„Aber jetzt muss ich heim zu meiner Frau, die wartet bestimmt und macht sich Sorgen.“ Die Nachtigall reckte ihre Flügel.
„Du kannst uns doch jetzt nicht allein lassen“, schnatterte der Buchfink. „Unser König ist fort, was sollen wir nun tun?“
Die Nachtigall blickte von einem zum anderen. „Lebt so zusammen, dass alle zufrieden sind und keiner durch den anderen einen Schaden erleidet. Wenn es Probleme gibt, dann trefft euch doch hier beim Baumstumpf und redet darüber. Ihr braucht niemanden, der euch befiehlt, lebt euer eigenes Leben. Das ist mein Rat. Jeder hat seine Stärken, der Specht kann gut Holz bearbeiten, der Falke jagt so gut wie kein anderer, diese Fähigkeiten solltet ihr nutzen. Und noch eins merkt euch, von Fremden kann man viel lernen.“
Damit schwang er sich empor und ließ die Vogelschar verunsichert und nachdenklich zurück.
Wieder war es der Buchfink, der als erster das Wort fand. „Er hat Recht. Lasst uns nun alle in unsere Nester fliegen. Wir werden uns morgen früh hier treffen.“

Die Vogelgesellschaft lebte noch viele Jahre zufrieden miteinander in dem schönen Wald. Wenn es Probleme gab, trafen sie sich am Baumstumpf und stritten, lachten und verhandelten. Viele Fremde kamen in den Wald, denn sie hatten von dem schönen Ort gehört. Einige der Fremden waren begabte Sänger. Sie gaben wunderbare Konzerte. Andere Zugvögel aus exotischen Ländern erzählten die tollsten Geschichten. Die alte Eiche blieb unbewohnt, sie galt von nun an als Mahnmal gegen Machthaberei, Fremdenhass und Ungerechtigkeit. Der König kam nie wieder zurück, einem Verrückten gleich flog er noch lange Zeit durch fremde Wälder und niemand wollte ihn haben.



ENDE