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Wandas erste Tage daheim

Samstag, 23. August

Es war ein merkwürdiger Tag. Zuerst stand ich ganz allein auf einer riesigen Wiese, ohne mein Rudel und wusste nicht so recht, was das bedeuten sollte. Die Esel nebenan haben ihre großen Ohren aufgestellt, die Köpfe zusammengesteckt und getuschelt. Ich bin mir sicher, sie haben alles gewusst. Es waren schon immer die Esel die alles zuerst wissen. Das werde ich ihnen nachtragen, dass sie geschwiegen haben. Sie hatten gar keinen Grund mich zu schneiden, denn ich war eine der wenigen, die nie an ihren Schwänzen geknabbert hat. Meine Freunde und mein Vater? Die waren ahnungslos – glaube ich – denn sie hätten es mir doch gewiss gesagt!? Die Welt ist undankbar...

Gegen Mittag kamen zwei Autos angefahren und ich bin direkt zu den Zweibeinern gelaufen, die ausstiegen. Die haben mich gestreichelt und an ihren Händen lecken lassen – sehr gut erzogen. Das kann man nicht von allen Menschen behaupten. Einige haben überhaupt keine Manieren, halten uns fest, ziehen uns hoch oder erdrücken uns fast. So einen groben Fehler würde selbst ein Welpe nicht machen. Na ja, Hunde – besonders solche wie wir sind schon in einigen Dingen den Zweibeinern überlegen. Die, die mich streichelten waren in Ordnung, das merkte ich gleich, da habe ich einen sicheren Instinkt. Sie hatten auch noch einen anderen Hund dabei – schon etwas älter und auch eine Dame, hatte zumindest gute Manieren und blieb im Auto sitzen, betrachtete mich aus der Ferne. Zuerst hatte ich wieder einmal gehofft, es sei meine Mama – sie hatte so wunderschönes graues weiches Fell und ganz warm war es immer, wenn wir uns aneinander gekuschelt haben. Ob sie wohl immer noch in Tschechien war? Mich haben sie ja einfach dort weggeholt. Das war eine Unverschämtheit, aber ich muss sagen, ich kam in eine Umgebung, die mir auch sehr gefiel. Und doch hätte ich gern gewusst, was aus meinen Schwestern, Brüdern und der guten Mama geworden ist. Wie auch immer, auf jeden Fall sind die mit den zwei Beinen dann alle verschwunden. Die Welt ist rätselhaft...

Es dauerte ewig, bis die wieder zurückkamen, mein Winseln haben sie glatt ignoriert ... gerade als ich dachte, es käme nie wieder jemand zu mir, tauchten sie auf. Sie haben gelacht und hatten ein langes schwarzes Seil in der Hand. Dann ging alles ganz schnell. Ich wurde von der Wiese geholt, man legte ein schwarzes Ding um meinen Hals und befestigte noch das schwarze Seil daran. Merkwürdig fühlte sich das an. Das Band um meinen Hals war viel zu groß, es roch noch neu. Die Zweibeiner hatten es wohl gekauft und sich in der Größe vergriffen. Was dachten die denn wen sie vor sich haben – einen dieser dickhalsigen Hunde – ich will hier keine Namen nennen, das versteht sich von selbst. Ich wurde in das große Auto gehoben, auf den Rücksitz, obschon ich auch gern hinten gesessen hätte, aber die Menschen dachten wohl, ich hätte sonst zuviel Angst. Dabei bin ich doch das Autofahren längst gewöhnt. Zumindest wenn der Fahrer sein Handwerk versteht, mir wird nicht einmal schlecht. So quetschte ich mich also auf den Rücksitz und tat so, als würde mir das gefallen. Ein wenig mulmig war mir schon, denn ich wusste, alle von uns, die in ein solches fremdes Auto gestiegen waren, waren nie mehr zurückgekommen. Aber ich nahm mir vor nicht in Panik zu verfallen und meine angeborene Würde zu wahren. Der Deerhound ist würdevoll...

Nach einer längeren Autofahrt stiegen wir aus – also ich wurde natürlich herausgehoben, denn ich muss auf meine Sehnen und Bänder achten. Also einfach wie ein nasser Sack hinlegen, dann verstehen die Zweibeiner eigentlich immer was zu tun ist. Sie führten mich in einen mittelgroßer Garten mit Teichen und einem ganz alten Baum. Das sollte wohl ab jetzt mein neues Zuhause sein. Nach einiger Zeit fuhr ein Zweibeiner mit den beiden Jagdhunden – von denen der ältere Herr mir doch mit seinem Gebell nach einiger Zeit auf die Nerven gegangen war – weg. So würde ich hier wohl allein wohnen – nun ja, für mehrere von ...

Die Zweibeiner gingen zu einer großen alten Holztür und schlossen sie auf. Dahinter war ein Raum mit einem Korb, eine große Treppe führte nach oben und es gab noch zwei weitere Zimmer. Zur Begrüßung erschienen eine weiße und eine getigerte Katze. Eigentlich habe ich mit den Tigern keine Probleme, schnupperte also kurz in die Richtung der Getigerten und erntete ein zischendes Geräusch. Ich wandte mich ab und ging zu der Weißen, schnupperte an der rosa Nase dieses kleinen Wesens und plötzlich schrie dieser kleine weiße Fellballen mich an, spuckte mir sogar ins Gesicht. Wo war ich denn hier nur hingeraten? Aber ich erinnerte mich an die alte Deerhoundregel „immer gelassen bleiben“ und zog mich dezent zurück. Die Katze ist unberechenbar ...

Es wurde Abend und ich weigerte mich immer noch in das Zimmer zu gehen wo das große schwarze Monstrum stand. Wer konnte schon wissen, was alles passieren kann in einem Haus, in dem einige der Bewohner schier unzurechnungsfähig waren. Doch nach einigen Stunden merkte ich, dass dieses Ding wohl nichts tun würde, es kamen sogar Töne heraus, ähnlich wie die aus dem Radio, wenn die Zweibeiner sich daran setzten und mit den Fingern darauf tippten. Der Teppich war auch nicht zu verachten. Eigentlich war es in einer so großen Hütte gar nicht schlecht. Die oberen Etagen würde ich am nächsten Tag erkunden, dachte ich. Doch die Zweibeiner bedeuteten mir zu folgen. Mühsam stieg ich die Treppen herauf, Holztreppen, glatt und gefährlich, ich hatte meine liebe Not nicht auszurutschen und mir das Kreuz zu brechen. Doch der Aufstieg schien lohnenswert. Ich wurde in ein Zimmer geführt, in dem ein das ein riesiges Körbchen stand. Freudig stieg ich hinein, um direkt wieder hinauskomplimentiert zu werden. „Bett“ nannten sie das Ding und es war scheinbar nur für Zweibeiner – da konnte man nichts machen. Eine große Kiste mit Decken drin wurde mir zugewiesen, auch nicht schlecht, aber das Bettdings war viel schöner. Ich beschloss zu warten bis ich allein mit diesem Luxuskorb war. Zweibeiner sind unachtsam ...

In der Nacht konnte ich gar nicht gut schlafen. Immer dachte ich an meine Mama und fürchtete einer dieser fiesen Tiger würde kommen und mich wieder bespucken. Außerdem musste ich mich ständig kratzen und das machte einen entsetzlichen Lärm in dieser Pappkiste. Ich glaube, die Zweibeiner konnten auch nicht schlafen, denn ab und zu hörte ich einige Geräusche, die nicht von Schlafenden kamen: „oh Mann“ und „ach nee“ soweit ich verstanden habe. Nun, ich will ja nicht als Besserwisserin erscheinen, aber in eurem Bett hätte ich nicht so einen Lärm erzeugt, da wäre mein Kratzen kaum aufgefallen. Zweibeiner sind unlogisch ...

Jetzt liege ich hier wach und denke nach über das, was da wohl kommen mag. Wenn ich mich ordentlich anstrenge, dann kann ich es vielleicht schaffen, aus diesen beiden Zweibeinern gute Deerhoundhalter zu machen. Nichts ist unmöglich...


Sonntag, 24. August

Bereits um sechs Uhr wurde ich in den Garten geführt und habe mich dort sofort erleichtert. Der Abstieg die Treppe hinunter war entsetzlich, hinauf war es viel einfacher gewesen. Ich blieb auf halber Höhe stehen und stemmte mich entgegen der Abwärtsrichtung. Doch die Zweibeiner zogen, schoben und drückten, hatten es scheinbar eilig hinunterzukommen. Sie sahen müde aus, aber trotzdem legten sie sich nicht wieder hin, sondern legten mir wieder dieses Band um den Hals, diesmal war es aber ein anderes, passendes, und zogen los. Ich trabte interessiert hinterher und bestaunte die Gegend. Autos kannte ich ja schon, aber hier gab es so viele, sie stanken und waren laut. Dann diese vielen anderen Zweibeiner, die mich unverschämt anstarrten und komische Fragen stellten. Am furchtbarsten war das Riesenauto, das direkt laut schnaufend und knurrend an uns vorbeifuhr, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Die Welt ist gefährlich ...

Der Rest des Tages war gemütlicher, bis zum Nachmittag, als ich wieder ins Auto steigen sollte, da machte ich dann wieder den „Esel“ und wurde hineingehoben, wegen der Bänder und Sehnen, wie ich schon erwähnte. Nach einem guten Stück Autofahrt – ich durfte hinten liegen – hielten wir an. Da sah ich meine neuen Bekannte von gestern wieder und da ich weiß was sich gehört, lief ich auf sie zu und begrüßte alle schwanzwedelnd. Der Spaziergang war lang und ganz schön anstrengend. Die beiden anderen Hunde sprangen in einen See ... mir blieb fast das Herz stehen. Ich fürchtete gerade, sie würden versinken, als man mich aufforderte doch auch einmal ins Wasser zu steigen. Ich bin ja nicht zimperlich, aber Wasser – nein danke! Dazu habe ich ein gespaltenes Verhältnis. Als Getränk akzeptiere ich es vollkommen, aber nicht für die äußerliche Anwendung. Zum Glück verzichtete man auf weitere Überzeugungsversuche und ich konnte mein Gesicht wahren. Der Deerhound ist mutig ...

Am Abend musste ich dann tatsächlich doch ins Wasser, also nicht direkt, aber ich wurde in eine große Schüssel gestellt, ich glaube die Zweibeiner nannten sie Badewanne ... und dann mit Wasser begossen. Einer der beiden schüttete komisch riechendes Zeug über mich und sagte ich würde danach herrlich duften. Als wenn ich stinken würde ... Nun ja, im Zwinger waren wir viele und mit der Reinlichkeit war es schwierig, aber ich will mich nicht entschuldigen, ich bin ein Hund und keine Topfpflanze! Der Deerhound hat einen dezenten Geruch ...

Dieser Juckreiz machte mich ganz närrisch, schon wieder konnte ich nicht schlafen. Immerhin musste ich nicht mehr in dieser Pappschachtel liegen. Meine Lagerstätte wurde vor der Schlafzimmertür positioniert. Ein bequemes Kissen und ein Schaffell darauf – so lässt es sich aushalten. Noch ein letzter Blick um die Ecke – beide Zweibeiner liegen im Bett – gute Nacht bis Morgen. Menschen schlafen schnell ein ...


Montag; 25. August

Frühstück – das muss man sich hier erst einmal verdienen – glaube ich. Nach einer unruhigen Nacht fand ich auch am Morgen kaum Schlaf, erst der Juckreiz und jetzt die Zweibeiner, die wahre Frühaufsteher zu sein scheinen. Mit Halsband und Leine ging es ab durch die Straßen und einer der beiden verschwand plötzlich in einem Haus mit großen Fenstern, aus dem es angenehm duftete. Ich durfte nicht hinein, warum wohl? Heraus kam der Mensch mit einer großen Tüte, die genauso gut roch. Doch auch an dieses vielversprechende Ding durfte ich nicht nah genug heran, um einen Blick auf den Inhalt zu erhaschen. Der Deerhound ist ein Sichtjäger ...
Nach dem Frühstück wurde ich sogleich wieder auf die Straße geführt – dabei hätte ich so gern ein Schläfchen gehalten. Diesmal war die Hölle los da draußen. Ein riesiges Fahrzeug brummte an uns vorbei und hielt neben uns an. Viele Menschen kamen heraus, andere stiegen hinein, ich fürchtete mich, auch wenn es mir unangenehm ist, das jetzt zuzugeben. Schließlich hätte dieses schnaufende Ungeheuer mich ja verschlucken können. So versuchte ich es mit dem „Esel“, meinem altbekannten Mittel in unliebsamen Situationen. Die Zweibeinerin, sie war wohl das, was andere mein Frauchen nennen würden, wartete erstaunlicherweise so lange, bis ich mich entspannt hatte und dann erst gingen wir weiter. Es war schon etwas peinlich, denn wir standen ziemlich lange direkt neben einem Straßencafe. Die Menschen, die dort ihren Kaffee genossen, waren sichtlich über die Abwechslung erfreut. Nach einigen Minuten Fußmarsch wurde ich in ein Haus gebeten, in dem es gar nicht gut roch. Eindeutig Angstgeruch. Schnell machte ich den „Esel“, als aber schon ein Zweibeiner auf mich zukam und mir lecker duftende Köstlichkeiten vor die Nase hielt. Da musste ich wohl hinein und probieren. Der Deerhound ist immer hungrig ...

Es war eines dieser Häuser in dem Tiere betrachtet wurden und wo wir dann immer – fast immer – mit fiesen Nadeln gepiekst wurden, wie sich dann herausstellte. Ich wurde eingehend beäugt und betastet. Das gefiel mir nicht, aber ich überstand die Prozedur mit der mir angeborenen Würde. Eine juvenile Dermatitis und eine schlechte Haut habe ich angeblich, sagte die Frau im weißen Kittel. Nun, Ihre Haut könnte auch ein wenig mehr Pflege vertragen, dachte ich giftig bei mir. Aber ich sagte nichts, denn eine alte Deerhoundregel besagt, sei lieb zu dem der Futter oder eine Spritze in der Hand hat. Deerhoundregeln sind hilfreich ...

Am Abend probierte ich den Teppich im Zimmer mit dem Klavier aus, und befand ihn für gut. Die Zweibeiner und ich saßen aber lange im Garten, es war wunderbar warm. Zu meinem Entsetzen musste ich wieder in die Badewanne und wurde geschäumt, geduscht und frottiert. Danach war das Jucken noch viel schlimmer, das hatte sich bestimmt diese Frau im weißen Kittel ausgedacht, sie musste gemerkt haben, was ich dachte. Nun liege ich wieder auf dem Kissen und kann gar nicht aufhören mich zu kratzen. Eigentlich wollte ich unten schlafen in meinem Riesenkorb, aber die Zweibeiner wollten mich in ihrer Nähe haben. Der Deerhound vermittelt ein Gefühl der Sicherheit...


Dienstag, 26. August

Die Nacht war wieder lang und ich wälzte mich auf dem Kissen umher. Juckreiz ist schlimmer als Schmerz ...

Lange Spaziergänge, ein wenig zu lang für meinen Geschmack, und Streitereien mit den Stubentigern vergällten mir den Tag etwas. Doch ich will mich nicht beklagen. Wir haben immerhin andere Hunde getroffen. Leider war keiner dabei, mit dem ich näheren Kontakt gewünscht hätte, alles ganz gewöhnliche Pelznasen eben. Wenn man die zum Laufen aufforderte, dann blieben sie nach einigen Metern weit hinter unser einem, das wusste ich von Mama. Sie hatte mir nicht viel mit auf den Weg gegeben, aber immerhin einige wichtige Grundregeln für das erfolgreiche Zusammenleben mit den Menschen und anderen Tieren. Nun, vielleicht würde ich ja irgendwann einen von uns treffen, ich musste abwarten. Der Deerhound ist geduldig ...

Es hat sich nicht viel ereignet heute. Ein Ereignis hätte ich doch jetzt fast vergessen, vielleicht weil es mir wieder etwas peinlich war? Ich habe eine Aversion gegen alles was rollt, besonders gegen rollende Zweibeiner. Eines dieser Exemplare rollte plötzlich bei unserem Spaziergang von hinten an uns heran und sauste an uns vorbei, so schnell, dass mir fast das Herz stehen blieb. Nicht das ich ängstlich wäre – aber wie kann man nur so unhöflich sein, ohne Ankündigung von hinten angesaust zu kommen und alle Beteiligten zu Tode zu erschrecken. Obwohl, wenn ich mich recht entsinne, war nur ich es, die sich erschreckt hat, die Zweibeiner nahmen es gelassen. Sie nennen mich immer Wanda, dabei heiße ich ja eigentlich Brennia Paluduz, aber es gibt wahrlich schlimmere Namen ... Jetzt liege ich wieder auf meinem Kissen und denke. Warum darf ich nicht überall hinein und was sind das für stinkende riesige Autos, die Zweibeiner verschlucken und ausspucken? Die Regeln der Menschen sind komisch ...


Mittwoch, 27. August

Hundeschule! Mehr muss ich dazu eigentlich nicht sagen – oder? Deerhounds in der Hundeschule muss ich noch hinzufügen. So manch andere Hund mag sich da ja wohlfühlen, aber unsereins? Und dann auch noch – ich wage es kaum auszusprechen – eine Welpenschule. Ständig blickte ich mich um, immer in der Angst plötzlich von einen von uns gesehen zu werden. Im Boden versinken hätte ich mögen. Tapsige Berner Sennenhunde und rauflustige Terrier, die ich höflicherweise beschnupperte. Ich bekam ja direkt Nackenschmerzen vom Bücken. Der Lehrer ist ja ein netter Mensch, aber er erzählt viel Blödsinn – ich fürchte, mein Frauchen verbündet sich mit ihm, glaubt ihm gar diesen Mist – pardon – Deerhounds fluchen ja nicht, ach, die schlechte Gesellschaft wirkt schon ansteckend. Sitz und Platz – na, das ist eine leichte Übung und man kann dabei so herrlich entspannen ... Und dann ist man gerade mitten in einem Traum und es wird an der Leine gezerrt – „Wandaaaa, Fuuuuuß.“ – das hasse ich am allermeisten. An der Leine gehen ist doch was für Sklaven und nichts für uns. Nicht, dass ich etwas gegen andere Hunde hätte – zumindest nicht gegen alle – aber der Deerhound und natürlich auch die meisten anderen aus der Familie der Windhunde, sind schon etwas Besonderes, gewissermaßen die Royals unter den Pelznasen. Ich werde mir ja Mühe geben, aber ein wenig Entgegenkommen kann man ja wohl verlangen. Der Deerhound ist ja gar nicht so ...

Der Rest des Tages war nicht sehr ereignisreich. Ich habe viel geschlafen und wir haben einen langen Spaziergang gemacht. Nun hoffe ich, dass wir nicht Morgen wieder in diese Schule gehen. Ich denke, ich werde mich schlafend stellen, am besten schnarchen, das soll ja manchmal helfen. Der Mensch will betrogen werden ...


Donnerstag, 28. August

Dem großen Hundegott sei dank! Wir waren nicht in der Schule. Auf den Hundegott ist Verlass ...

Mein Herrchen ist heute einfach verschwunden. Nach dem Frühstück hat er einen Koffer genommen, der sehr interessant roch – und ist mit einem dieser ganz lauten Autos weggefahren. Er kam dann zum Glück am Abend zurück. Schon einige Sekunden bevor er in die Straße einbog, konnte ich das Motorengeräusch hören. Dass die Menschen so ein Gefallen an diesen Knatterdingern finden – und klein ist dieses Auto – nicht einmal ein Deerhound hat Platz darin. Die Menschen sind schwer zu verstehen ...

Wir hatten Besuch. Das ist fast immer gut, denn die meisten bringen dem Hund was Schönes mit. Zum Dank freute ich mich kräftig und sprang sogar an den Gästen hoch – das schien nun wieder vollkommen falsch zu sein, denn Frauchen sagte „Wandaha“ in dieser ganz bestimmten Tonlage. Das ist mal wieder so etwas, was ich nicht verstehe. Die Menschen grabschen mich überall an, tätscheln meinen Kopf und wenn ich dann zu ihren Mundwinkeln will - das macht man bei uns Hunden so, und im Gegensatz zu anderen Welpen gelingt mir das sogar bei größeren Exemplaren der Zweibeiner – dann wehren sie mich ab. Es scheint sie irgendwie zu ekeln, einige waschen sich sogar danach die Hände – wie erniedrigend. Der Deerhound ist ein reinliches Wesen ...

Heute musste ich gleich zwei Spaziergänge machen. Frauchen hat aber dazugelernt. Sie hebt mich immer brav ins Auto und auch wieder heraus. So langsam riecht der Wagen auch angenehm nach Deerhound – ein Geruch wie schottische Erde und reife Früchte, dazu ein wenig frische Pilze und der Bodensatz eines guten Maltwhiskys – oh, ich gerate ins Schwärmen. Mein Frauchen beschreibt diesen unvergleichlichen Duft mit dem Gestank alter Socken, „nasser alter Socken“, um genau zu sein und ich glaube ich habe da auch etwas wie „toter Igel“ gehört. So etwas muss man sich mal vorstellen. Aber was soll man von jemandem erwarten, der sich literweise stinkende Flüssigkeiten auf den Körper schüttet ... Als ich dabei heute hinter ihr stand, musste ich niesen und konnte gar nicht mehr aufhören. Dutzende von bunten Fläschchen stehen davon im Badezimmer herum, das kann ja heiter werden.

Mein Schlaf ist immer noch leicht in der Nacht und ich wache immerzu auf und muss mich kratzen. Ich denke darüber nach, wie ich an der Weißkittelfrau Rache nehmen kann. Der Deerhound ist nachtragend ...


Sonntag, 14. September

Ein wunderschöner sonniger Tag, ich habe ganz früh meine Zweibeiner geweckt. Das tue ich ja fast jeden Morgen, sonst verschlafen sie ja alles. Ich gehe dann immer leise ins Schlafzimmer und suche zuerst die Füße der Menschen, nage leicht an den Zehen und lecke ihre Beine ab. Meistens ziehen sie aber die Beine einfach weg und ich muss zum Kopfende des Bettes, um mich ihren Haaren und Ohren zu widmen, daran kann man herrlich knabbern. Die beiden scheinen das zu mögen, denn sie geben so lustige Geräusche von sich. Wenn ich genug habe, und die Zweibeiner so richtig wach sind, dann ziehe ich mich auf meinen Schlafplatz zurück und döse noch etwas. Meist dauert es dann nicht lange und einer von beiden steht auf, um sich im Badezimmer mit Wasser zu überschütten und mit stinkendem Zeug zu begießen und beschmieren. Der Deerhound ist ein zuverlässiger Wecker ...


Montag, 15. September

So langsam gewöhne ich mich an die Schule. Heute waren wir wieder da. Ich kann nicht sagen, dass ich es genieße, aber es ist erträglich. Wenn diese Vierbeiner ein wenig größer wären, müsste ich nicht ständig aufpassen, sie nicht umzurennen. Bei Fuß gehen ohne Leine habe ich denen heute mal so richtig gezeigt. Sogar der Lehrer, der ja immer was zu kritisieren hat, fand uns ganz gut. Frauchens Hand roch aber auch so gut nach Fleischwurst, dass ich mich nicht zu weit von ihr entfernen wollte, schließlich habe ich dann auch meinen Teil bekommen, da ist sie großzügig. Zum Ende der Stunde bin ich dann so richtig gerannt, habe allen gezeigt was in mir steckt, immer den Großen hinterher – oder besser gesagt, vorneweg – Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schnellste im ganzen Land. Nur mit dem Bremsen und dem Lenken habe ich manchmal meine Probleme. Niemand ist perfekt – oder? Der Deerhound ist fast perfekt...

Montag, 29. September

Das war eine unruhige Nacht. Ich musste zwei Mal raus ... mit Durchfall ist nicht zu spaßen und so musste ich richtig laut werden und gegen die Haustür klopfen, damit die Zweibeiner wach wurden und mir die Tür öffneten. Ein eigener Ausgang wäre nicht schlecht, ein eigener Schlüssel ist der Traum jedes Hundes, aber wegen der fehlenden Daumen nicht festzuhalten. Obschon – wenn ich ihn zwischen die Zähne nähme und dann vorsichtig ins Schlüsselloch steckte ... vielleicht würde das sogar gelingen. Es gibt überhaupt viele Tätigkeiten, die man auch ohne Daumen ausüben kann. Die Zweibeiner bilden sich jede Menge auf dieses Fingerglied ein, aber sind wir mal ehrlich, es hat ihnen viel Ärger gebracht. SIE müssen die Dosen öffnen und SIE verdienen das Geld für das teure Dosenzeug. Der Deerhound kommt seit Jahrhunderten gut ohne Daumen aus ...

Im Wald bin ich heute regelrecht ausgerastet, wenn ich das unfeine Wort mal benutzen darf. Es war so leer dort und Frauchen und eine Nachbarin von ihr haben mir Stöckchen geworfen. Da wollte ich ihnen nur mal zeigen, wie schnell ich bin und da ist es geschehen. Mich überkam ein unwiderstehlicher Drang zu hüpfen, hinter imaginären Gegnern herzujagen und links und rechts im Unterholz zu verschwinden. Das war mir hinterher fast peinlich. Aber ich bin ja auch quasi noch ein Welpe, auch wenn ich schon das stattliche Schultermaß von 71 cm aufweise. Wahre Größe kommt von innen, also bilde ich mir auf meine Maße nichts ein. Aber beeindruckend bin ich schon. Der Deerhoundwelpe ist eine stattliche Erscheinung ...

Sechs Durchfallhaufen mussten von der Wiese entfernt werden. Meine Güte, das hat vielleicht gedauert.


Dienstag, 30. September

Da gibt es heute eigentlich nicht viel zu erzählen. Einige Tage vergehen zum Glück ohne größere Sensationen. Um so mehr habe ich dann Zeit meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich sinniere gern über die Frage, ob es Deerhound-Leben außerhalb dieser Galaxis gibt. Wenn es intelligentes Leben weit entfernt von hier geben sollte, dann wäre es ja logisch, dass es dort auch Deerhounds gibt – ich will nicht überheblich klingen, aber der IQ der meisten meiner Verwandten ist so hoch, dass sie direkt in den Club der Superhirne eintreten könnte, wenn sie sich denn überwinden könnten zu sprechen – welch primitive Lautäußerungen. Bellen finden wir übrigens auch eher einfallslos, so dass wir diese Laute nur benutzen, um uns mit niederen Lebensformen zu verständigen ... das sind manchmal andere Hunde, die sich noch auf dieser Stufe der Kommunikationsform befinden – oder Menschen, die scheinbar unempfänglich für unsere Form der Verständigung sind. Jetzt müsste ich vielleicht etwas ausholen, um das zu erklären, denn die meisten Zweibeiner, die dieses Tagebuch lesen, werden das nicht verstehen. Einige wenige Deerhounds, die dieses Werk interessieren wird – oder die Zugang dazu erhalten, werden sofort wissen was ich meine ... Unsere Kommunikation läuft über eine Art Telepathie. Wir denken ganz intensiv an etwas oder jemand und dann erledigt der Rest sich von selbst. Mit den Zweibeinern probieren wir das natürlich auch. Wir schauen sie ganz intensiv an und denken zum Beispiel an Futter, aber leider ist das Gehirn der Zweibeiner nicht so hoch entwickelt, dass sie es verstehen. Der Deerhound ist eines der am höchsten entwickelten Lebewesen ...


Mittwoch, 1. Oktober

Ach, wieder Hundeschule. Das scheint sich zu einer Art Ritual zu entwickeln. Ich habe nichts gegen die anderen Welpen, mit denen ich mich nun regelmäßig treffe, aber einige sind so klein und winseln gleich, wenn ich sie mit der Pfote berühre. Ein kleiner West Highland Terrier – kommt also immerhin aus der gleichen Gegend Schottlands wie meine Vorfahren – kläfft mich immer so an und wenn ich dann darauf eingehe und mit ihm spiele, dann werde ich verantwortlich gemacht für die wilde Spielerei – „so ein kleiner süßer Hund“, wenn die wüssten, von wegen süßer Hund, die verstehen ja nicht, was der zu mir gesagt hat – und ich werde mich hüten es hier öffentlich wiederzugeben. Der Deerhound ist eloquent und trotzdem verschwiegen ...

Ein weiteres Ritual scheint das Treffen mit dieser Jagdhündin zu sein. Sie ist die Rudelchefin – bisher – bei uns ändert sich das ja ständig. Im Wald habe ich dann versucht einmal nicht zu kuschen, als sie knurrte – klar, dass sie sich behaupten wollte. Unsere Frauchen haben uns getrennt, als es gerade spannend wurde. Vielleicht klappt es ja bei nächsten Mal. Ich werde ja immer größer und stärker. Der Deerhound kann einen Hirschen niederreißen – habt acht ihr da draußen. Der Deerhound kriegt euch alle ...


Freitag, 3. Oktober

Ich bin ja schon ein Langschläfer ... trotzdem hatte ich heute Mühe meine Zweibeiner aus dem Bett zu werfen. Sie murmelten etwas wie „... iss doch Feiertag...“, aber Hunde haben schließlich keine Kalender – Gott sei dank – und so machte ich eben solange weiter, bis sie aufgaben. Der Deerhound ist geduldig ...

Wir haben eine Wanderung gemacht, in einem Wald, den ich noch nicht kannte. Es ging steil bergauf, ich hatte ein wenig Schmerzen, ich wachse gerade wieder und ausgerechnet hinten, da tut mir dann immer die Hüfte weh. Aber ich lasse mir natürlich nichts anmerken, ich bin ja ein würdiger Vertreter meiner Rasse. Wie sagte schon meine Großmutter: „Niemals soll ein Deerhound jammern oder klagen. Er ist immer zufrieden mit dem, was er hat.“ Nun, so hielt ich denn tapfer durch und fing sogar ein Stöckchen, das mein Herrrchen mir zuwarf. Das scheint die Lieblingsbeschäftigung vieler Menschen zu sein – wer weiß warum. Der Zweibeiner hat merkwürdige Leidenschaften ...