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Abenteuer Pflegehund

Tage, Wochen und Monate bringe ich immer wieder im Internet zu. Auf Tierschutzseiten und in Foren erfahre ich Unglaubliches, das mein Gehirn nicht fassen und mein Herz kaum ertragen kann. Zwei Katzen aus dem Tierschutz beleben bereits seit zehn Jahren unser Heim und vor zweieinhalb Jahren zog unsere Deerhoundhündin Wanda bei uns ein und beansprucht die Couch und mich. Ein Deerhound war schon mein Kindheitstraum und mit Haus und Garten und genügend Zeit konnte er endlich erfüllt werden. Eigentlich sind das ja schon genug Tiere. Wanda ist ein ausgesprochen ruhiger Hausgenosse und oft denke ich, ein zweiter Hund könnte sie ein bisschen lebendiger machen. Ein Deerhound ist ein wahrhaft schrulliger Hund, stur wie ein Esel, mal albern und dann wieder ganz in sich ruhend, irgendwie aber immer sein eigener Hund. Wanda liebt Leckerchen und Menschen, sie hasst aufdringliche unkastrierte Rüden und unerzogene Welpen. Denen sagt sie dann auch lautstark, was sie von ihnen hält. Sie krümmt ihnen kein Haar, aber es klingt, als würde sie sie meucheln. Ein Welpe und ein intakter Rüde kommen also erst gar nicht in Betracht. Mit Hündinnen versteht sie sich gut, aber im Haus könnte das ja schon wieder anders aussehen. Ein kastrierter Rüde also … natürlich müsste er mindestens so schnell rennen wie sie und im Haus sollte er genau so ruhig sein, denn hier arbeite ich als freie Journalistin und ein zappelnder, fordernder Hund wäre das Letzte, das ich brauchen kann. Ich bin skeptisch. Wanda ist draußen mit vielen anderen Hunden unterwegs und hat ihre speziellen Freunde, mit denen sie rennt und spielt. Haben wir aber im Haus Hundebesuch, dann zieht sie sich zurück und schmollt.

So überlege ich hin und her und entdecke dann die Tierschutzseiten von ASPA und die Möglichkeit, eine Pflegestelle anzubieten. Nette, kompetente Leute und ein überzeugendes Konzept überzeugen mich. Ich bin bereit, mich auf das Abenteuer Pflegehund einzulassen. Ich erhalte viele Informationen und muss viele Fragen beantworten. Schließlich erfolgt die Vorkontrolle und dann beraten mich die Mitarbeiter noch dabei, welchen Hund ich aussuchen soll. Ganz genau wird gefragt, wie wir uns das Leben mit dem Pflegling vorstellen. Einige meiner Bekannten schütteln den Kopf über ein derartiges Auf-den-Zahn-fühlen. Ich bin begeistert. Wie sonst sollte wohl ein gutes Zuhause, wenn auch nur vorübergehend, für einen Hund gefunden werden. Würden alle zukünftigen Tierhalter so eindringlich befragt, wären die Tierheime vielleicht leerer.

Am 15 Februar ist es soweit. Meine Mutter und ich sitzen im Auto und fahren nach Schwelm. Dort wird ein Transport aus Madrid erwartet, der auch meinen Pflegling Lino mitbringt. Lino ist nicht nur schön, er ist auch katzentauglich, menschenfreundlich und in körperlich gutem Zustand. Ich bin froh, dass meine Mutter dabei ist, denn ich bin doch sehr aufgeregt, trotz Notfalltropfen. Endlich kommt der weiße Sprinter auf den Parkplatz gefahren. Es ist unglaublich. 30 Hunde und fast 40 Katzen sind in Boxen übereinander gestapelt. Ein unbeschreiblicher Geruch dringt aus dem Wagen, kein Laut ist zu hören, nur ein leises Fiepen, es sind auch Welpen dabei. Ein Hund nach dem anderen wird aus dem Wagen gehoben und in die Arme der neuen Besitzer oder Pflegefamilien gegeben. Ich muss schlucken und kämpfe mit den Tränen, als neben mir eine Frau eine Jagdhündin an sich drückt, die zittert und in einem erbärmlichen Zustand ist, sie kann vor Schwäche und Angst nicht allein stehen. Aus einem Brunnen hat man sie gerettet. Ich konzentriere mich auf die geöffnete Tür des Wagens, fürchte sonst die Fassung zu verlieren. Gut, dass sie hier sind. Die Tierheimleiterin aus Madrid und ihr Begleiter sind freundlich und die Strapazen der langen Fahrt sind ihnen kaum anzumerken. Lino? Ich halte mein Halsband und die Leine bereit. Er springt sofort aus dem Auto, läuft zum nächsten Baum und hebt das Bein. Wir gehen zu unserem Wagen und ich gebe ihm eine Schüssel Wasser, die er ganz leer trinkt. Dann macht er ein Häufchen und springt direkt in mein Auto.
Daheim angekommen, gehen meine Eltern mit Wanda kurz Gassi. Das gibt Lino genügend Zeit den Garten und das Haus zu erkunden, zu registrieren, dass hier schon ein Hund wohnt und dass es Katzen gibt. Die stellen sich auch gleich persönlich vor und zeigen, dass sie Stimme und Krallen haben und es nicht schätzen, wenn ein Gast ihnen zu nahe kommt. Lino fiepst und wedelt vor Aufregung. Er hebt das Bein und bepinkelt meine Ytongfigur im Flur. Ein kurzes NEIN und dann führe ich ihn in den Garten. Ich animiere ihn: „Mach fein Pippi“ und lobe dann sein Werk, dass er am Apfelbaum vollbringt. Wanda untersucht den Gast kurz und schmollt dann, als er mit ins Haus geht. Ich führe Lino an der Leine umher, damit er alles beschnüffeln kann. Am Abend sitzt er auf der Couch und ich bin überrascht, dass Wanda ihm den Platz überlässt. Galgos haben scheinbar ein Couch-Gen.

Schon in der ersten Nacht schläft Lino vor unserem Schlafzimmer auf einem dicken Hundekissen. Natürlich versucht er in unser Bett zu steigen, aber da dies tierfreie Zone ist, sagen wir einmal „Nein“ und er trollt sich rasch von dannen. Lino lernt überhaupt schnell. Er passt sich unserem Tagesablauf an und versucht wirklich es uns recht zu machen. Wanda ist sehr distanziert, beäugt den Neuling misstrauisch. Die Katzen sind schier entsetzt – noch so ein komisches Tier im Haus.
Ich bemühe mich, von Anfang an Distanz zu wahren, denn so ein Pflegehund soll ja irgendwann in eine neue Familie vermittelt werden. Ich befürchte, wenn ich ihn zu nah an mich heran lasse, könnte es für ihn und mich schwierig werden. In unser bestehendes Spazierrudel – 10 bis 20 Hunde – fügt er sich gut ein. Lediglich einigen unkastrierten Rüden gegenüber ist er unsicher und kaschiert dies durch Gebrumm, Gescharre und Machogehabe. Heiße Hündinnen findet er ganz toll und umgarnt sie charmant. Es scheint noch nicht bis in seinen Kopf gedrungen zu sein, dass er kastriert ist. Er braucht unbedingt Sicherheit, denn auch, wenn er mir zu Beginn sehr sicher erscheint, merke ich bald, dass er Schlimmes erlebt haben muss. Bewege ich mich zu schnell hinter ihm her, gerät er in Panik, ebenso, wenn aus Versehen eine Leine an sein Hinterteil gerät. Streichele ich ihn am Kopf, zieht er ihn nach unten und blinzelt mit den Augen. Die spanische Tierheimleiterin mailt mir auf Anfrage Linos Geschichte. Er wurde ausgesetzt und lief allein umher. Zigeuner haben versucht ihn zu fangen und er ist ihnen immer wieder entwischt. Schließlich ließ sich der schlaue Kerl vom Futterlieferanten des Tierheims einfangen und ins Heim mitnehmen.
Schnell wird klar, dass Wanda sich immer mehr zurückzieht. Sie läuft auch draußen nicht mehr so viel umher, versucht im Haus meine Aufmerksamkeit zu erlangen und wirkt deprimiert. Nach 5 Wochen beschwert sie sich zum ersten Mal über Lino. Er schmust mit meinem Mann und Wanda bellt ihn ganz laut an. Da geht Lino ins Körbchen und bleibt auch für einige Zeit da. Lino und Wanda spielen oder rennen nicht zusammen, sie sind beide stark auf mich bezogen und beachten sich gegenseitig kaum. Eigentlich müsste ich mit Lino ein wenig üben – er hört gut auf seinen Namen und ich kann ihn in übersichtlichem Gelände ableinen … Wenn ich beginne mit ihm zu trainieren, wird sich unweigerlich eine stärkere Bindung aufbauen und das will ich vermeiden. Zudem müsste ich mit ihm allein trainieren, Wanda ist schon gekränkt, wenn ich mit ihm allein zum Tierarzt gehe.

Einige Interessenten melden sich, aber es sind nicht die richtigen dabei. Meine Ansprüche sind hoch, vor allem will ich, dass ich das Gefühl habe, das sind „sie“. Dann geschieht es. Die ersten Interessenten, bei denen ich am Telefon schon ein gutes Gefühl habe, schauen sich Lino an. Sie bleiben 5 Stunden – und ich muss aufpassen, dass sie Lino nicht einfach einpacken. Ich verabschiede mich von ihnen mit dem Versprechen, mich am nächsten Tag bei ihnen zu melden. Der Gedanke ist kaum auszuhalten, dass er hier weggeht. Wird es ihm bei den anderen Leuten wirklich gut gehen? Was, wenn er wieder dort weg muss? Er vertraut mir und ich schiebe ihn ab … Ein wahres Gedankenkarussell dreht sich in meinem Kopf. Doch ich muss eine Entscheidung treffen. Ich merke, dass ich diesen Zustand nicht lange aushalten werde. Noch am selben Tag telefoniere ich mit ASPA und danach mit den Interessenten, erkläre ihnen, dass ich am folgenden Tag die Vorkontrolle machen kann und auch Lino dabei sein soll. Freunde, die mit mir darüber reden, erhalten Wortfetzen als Antwort, ich muss immer heulen, wenn ich Lino sehe, an ihn denke oder über ihn rede. Die folgende Nacht verbringe ich mit wenig Schlaf, dafür mit vielen Gedanken und Tränen. Am Morgen steht Lino dann wedelnd an meinem Bett und legt den Kopf in meine Hand. Ich stehe rasch auf und ergehe mich in Hausarbeit.
Gegen Mittag packen wir den Wagen mit Korb, Kissen, Spielzeug, Futter, Halsband, Leine … und natürlich Lino. Auch die zukünftigen Zweibeiner für Lino haben wenig geschlafen. Ich hatte definitiv das richtige Gefühl. Lino umgarnt mit seinem Charme sogar die Katzen des Hauses. Die schriftlichen Dinge sind schnell abgewickelt und ich möchte einerseits rasch gehen, andererseits sind die Leute richtig nett und außerdem möchte ich Lino noch beobachten. Die netten Leute versprechen mir, sich am nächsten Tag zu melden und auch mit uns in Kontakt zu bleiben. Beim Verabschieden muss ich wieder weinen.
Es folgen eine tränenreiche Nacht und ein ebensolcher Tag. Trotzdem bin ich wie von einer Last befreit, habe das Gefühl, das Richtige getan zu haben. Wanda lebt direkt auf, ist draußen viel agiler … wie ausgewechselt. Am Ende des ersten Tages ohne Lino bekomme ich einen Anruf und auch noch Fotos und eine E-Mail. Da weiß ich, es ist gut so, ich kann loslassen und die Verantwortung für den schönen Kerl aus den Händen geben.
Ich werde nun vorerst keinen Pflegehund mehr aufnehmen, zumindest solange ich meine Wanda habe … Wenn mich jemand fragt, ob er es einmal versuchen soll, eine Pflegestelle anzubieten, dann kann ich ihm nur zuraten. Doch sollte er es sich ganz genau überlegen und alle Eventualitäten bedenken. Für mich war es definitiv eine wichtige Erfahrung. Ich fühlte mich aber auch stets bestens betreut und beraten bei ASPA.
Wenn ich mal wieder an Lino denke und mich frage, ob es richtig war, ihn herzuholen und dann abzugeben, dann sage ich mir, dass er ein ganz besonderer Galgo ist, der durch mich nun ein wundervolles Zuhause gefunden hat. Und das hat er verdient!