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Waldidyll mit Deerhound


Ein Spaziergang mit meinem Hund im Wald – das ist Balsam für die Seele. In der Stadt laufen die Menschen hektisch umher, suchen letzte Geschenke – Weihnachten steht vor der Tür - haben schlechte Laune. Hier im Wald pfeifen die Vöglein …

So schlendern wir einen Tag vor dem Weihnachtsfest gedankenverloren durch ein einsames Wäldchen, meine Deerhounddame Wanda sucht Stöckchen und trägt sie umher … „Über allen Wipfeln ist Ruh“, reime ich versonnen vor mich hin. Ein entferntes Geräusch dringt in mein Ohr, erreicht meine Gehirnwindungen und zwingt meine Augen nach der Ursache zu suchen. Etwas Grünes, Mittelgroßes, Dickes winkt in unsere Richtung, unaufhörlich Wortfetzen ausstoßend, die aber auf halber Strecke vom Winde verweht werden. Das grüne Etwas hat einen kleinen Hund an der Leine. Nun ist es so, dass ein Hundebesitzer, der seinen Vierbeiner anleint, meist einen Grund dafür hat … entweder ist es ein Rüde, der sich sogleich auf alle anderen männlichen Geschlechtsgenossen stürzt, oder eine heiße Hündin, auf die sich dann die Rüden stürzen … Wie auch immer, ich leine meine Wanda brav an, denn sie ist bereits auf das gestikulierende grüne Männlein aufmerksam geworden. Sie mag alle Menschen und auch fast alle Hunde, aber ihre hundliche Art der Begrüßung kommt bei einigen Zeitgenossen nicht so gut an. Sie läuft immer wedelnd auf die Zweibeiner zu, inspiziert deren Taschen – bei 80 cm Schulterhöhe ein Leichtes – schnüffelt manchmal geräuschvoll am Hosenschritt und drückt sich mit ihrem grauen Wuschelfell an die Beine … wer jetzt noch nicht geflüchtet ist und noch fest auf beiden Füßen steht, der bekommt ein Küsschen, und, wenn er Pech hat, gleich einen blauen Fleck dazu.

„… ´s ´n Rüde …?“, dringt nun ein Satzfetzen an mein Ohr. Diese Frage kann nun wiederum bedeuten, dass dieser kleine Vierbeiner an seiner Seite entweder eine heiße Hündin oder ein aggressiver Rüde ist. Ich tippe auf Letzeres. „Das hier ist ein Mädchen“, rufe ich dem Menschen zu. Die Kommunikation ist eröffnet, meine Ruhe dahin und ich zucke innerlich mit den Schultern „Leute mit Hund sind eben nie lange allein.“ Der grüne Mann entpuppt sich als Jäger … und der Vierbeiner als Terrier – Glatthaarfox mit Jagdterriereinschlag. Sofort leint er seinen „Bobo“ ab, denn: „Er mag die Großen, da kann er mal so richtig spielen …“ Bobo zeigt auch sofort, was in ihm steckt … springt mit erhobenem Schwanz auf Wanda zu, umhüpft sie, steckt die Nase tief in ihr Hinterteil, was die Dame eigentlich gar nicht mag, aber sie scheint so perplex ob dieser Dreistigkeit, dass sie glatt vergisst diesen Rüpel zu maßregeln. Während die beiden Vierbeiner sich bekannt machen und eine wilde Hatz beginnen, startet der Herr Zweibeiner mit einem Monolog über Terrier, die Jagd, Vitamine und Ernährung. Der Mann weiß alles, kennt alles und jeden und scheut sich nicht, es auch kund zu tun. So haben alle, was sie brauchen – der Terrier hat sein Häschen in Gestalt eines Deerhounds und der Jäger seine wehrlose Zuhörerin. Bobo beginnt, auf meine Wanda zu steigen – nun, so gut das bei einem Hund seiner Größe eben geht. Hat die große, graue Dame zu Beginn noch lustig mitgemacht, wird es ihr nun aber zu doll. Sie wendet ihren Kopf nach hinten, wo der kleine Hüpfer sich zu schaffen macht und sendet ihm einen Blick – der mehr als Tausend Worte sagt – und – erstaunlich genug – irritiert lässt Bobo einen Moment von ihr ab. Der Jäger atmet ein … diese Gelegenheit nutze ich, um in seine Atempause zu fallen und zu erklären, wozu denn die Deerhounds ehemals gezüchtet worden sind. Schließlich habe ich erfahren, dass sein Bobo rücksichtslos auf Wildschweine geht, in ihm sogar ein Greyhound und ein Bullterrier stecken und diese Terrier ganz schlimme Finger sind. Meine Information scheint ihn aus irgend einem Grund nicht zu erreichen … er nimmt weiterhin an, dass meine Wanda ein Wolfhound ist, „Curd Jürgens hatte ja immer vier davon …“ Ebenso ergeht es meiner Deerhounddame. Bobo hat sämtliche warnenden Blicke vergessen und springt gegen sie, kläfft, drängt. Er scheint sie für eine Wildsau zu halten, woran ich, glaube ich dem Jägersmann, nicht unschuldig bin .… „Ich gebe Ihnen mal einen Tipp für das Fell“, sagt er bedeutungsvoll und deutet auf die struppig-borstige graue Riesin, die sich hinter einem Baum in Sicherheit zu bringen versucht. „Vitamine und Zink!“, wirft er mir stolz entgegen, als sei es eine Offenbarung. Nun ist es aber langsam genug mit Häschen und Worttiraden ertragenden Deerhoundbesitzerinnen. „Das ist eben das typische Deerhoundfell“, schleudere ich ihm entgegen. Und er schlägt nach Terrierart zurück „Eben.“ Wanda schnappt nun nach diesem kleinen Monster im Terrierfell, was dieser wohl nicht gewohnt ist. „Sehen Sie, jetzt wehrt er sich, das mag er nämlich gar nicht“, erläutert der Jägersmann. Aha, denke ich, er wehrt sich, nun, gelobt sei die Toleranzschwelle des Deerhounds. Wanda springt vor meine Beine, nun reicht es wohl uns beiden. Bobo hüpft an meinen Beinen hoch und macht lustige Matschflecken auf meine frisch gewaschenen Jeans. „Typisches Terrierverhalten“, kommentiert der Herr in Grün und als ich mich hinabbeugen will, um Bobo auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen, fügt er eilig hinzu „Oh, nein, besser nicht anfassen, vielleicht beim nächsten Mal.“

Ich schnaufe innerlich und denke nur: „Nein, bitte kein nächstes Mal.“ „Ich gehe dann jetzt wohl besser. Die Toleranzschwelle der DEERHOUNDS ist zwar hoch, aber nicht unbegrenzt“, erkläre ich und füge flüsternd hinzu, „und meine auch nicht.“ Wanda kommt begeistert hinter mir hergelaufen – und Bobo auch. Ich gehe schneller, Wanda auch – Bobo auch. Herrchen lockt ihn: „Bobo …“ Dann wird er lauter, schließlich brüllt er derart, dass ich noch in 100 Metern Entfernung seine Rachenmandeln vibrieren höre und seinen roten Kopf leuchten sehe. „Geh endlich, BOBO, lauf zu Herrchen, Sch…“ ,scheuche ich ihn, natürlich ohne ihn zu berühren … Wanda und ich blicken uns an und beschließen, dem brüllenden Herrchen ein Stück entgegen zu gehen, da er in spätestens fünf Minuten entweder explodieren oder keine Stimme mehr haben würde. Er brüllt ein letztes „PLAAAAATZ“ und leint seinen Bobo sichtlich irritiert an. Das Rot seines Gesichtes kontrastiert lebhaft mit dem Grün seiner Kleidung. Ich will ihm eigentlich noch Vitamine empfehlen – aber er wendet sich schon zum Gehen und so wünsche ich ihm nur frohe Feiertage.

Meine große Graue läuft neben mir her, sucht meinen Blick und ich gebe ihr ein Leckerchen. Ich bin froh, dass meine Wanda und ich eine so hohe Toleranzschwelle haben und wir nun in herrlicher Ruhe ganz entspannt durch den Wald spazieren können. Keine Rehe, keine Wildschweine, keine Terrier und keine Menschenseele … nur mein schweigsamer Hund und ich.