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Etuikleiderdiät


Um einer Winterdepression vorzubeugen, habe ich im Dezember fleißig die Produktion von Serotonin in meinem Körper angeregt. Man kann dies auf verschiedene Weise tun: Joggen, viel frische Luft, Licht ... leider tat ich es durch Zuführung von Schokolade und Gebäck – das soll ja gesund sein. Die Dosis macht das Gift, sagte schon Paracelsus. Unter dicken Winterpullis konnte ich das eine oder andere Kilo wegschummeln, aber dann ... Das sündhaft teure, schmale blaue Etuikleid, das ich im Schaufenster erblickte. „Ein Einzelstück“, triumphierte die Verkäuferin. „Größe 40, fällt aber klein aus ...,“ zischte sie mit diesem abschätzigen Blick, den nur Verkäuferinnen so perfekt beherrschen und versetzte mir den Dolchstoß „dürfte Ihnen zu klein sein, aber wenn Sie meinen – ich kann es aus dem Fenster holen.“ „Ja bitte“, lächelte ich zuckersüß, „genau meine Größe.“

Ich verdammte meinen Anflug von Frühlingsgefühlen und sämtliche Pralinen und Plätzchen dieser Welt. Unter größten technischen Schwierigkeiten zwängte ich mich in dieses blaue Etui und betete, der Herr möge die Nähte halten lassen ... Natürlich war dieses Einzelstück zu eng, und wenn ich Pech hatte, musste ich es kaufen, denn als ich probierte es schnellstens loszuwerden, spürte ich, wie es sich sträubte sich von meinem Körper zu lösen. Ich schwitzte und keuchte, die Arme über dem Kopf und in der Sicht behindert durch blauen Stoff vor meinen Augen. Mein Gehör funktionierte indes noch zuverlässig. Ein ratschendes Geräusch ließ mich innehalten. Das Kleid? Nein, der Vorhang zur Kabine. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“, die Stimme der Verkäuferin klang schnippsich. Ich zwängte meinen Kopf zurück durch den Kragen. Die Dame zog am Kleid, bis es wieder an meinem Körper klebte. „Passt ja fast wie angegossen“, amüsiert schob sie mich zum Spiegel. Mein hochroter Kopf kontrastierte lebhaft zum Türkisblau des Etuikleides. „Wenn Sie ein paar Pfund abnehmen, können Sie sogar den Reißverschluss zumachen.“ Ich schluckte eine bissige Bemerkung herunter und lächelte. „Gute Idee, ich lasse es gleich an, da sehe ich die Fortschritte am besten.“

Eine Freundin, eine Schere und ein Glas Rotwein erlösten mich schließlich von meinem Korsett und der schlechten Laune. Gemeinsames Laufen und der Verzicht auf Süßigkeiten sorgten für Gewichtsabnahme und die Ausschüttung von Glückshormonen. Das blaue Etuikleid passt hervorragend und sogar mein Konto ist durch diese unbedachte Investition arg abgemagert.